Der durchdringende Ruf der Carnyx tönte vermutlich schon vor mehr als 2000 Jahren über den Vierwaldstättersee, als Keltenstämme in der Zentralschweiz siedelten. Liza Lim hat ein Konzert für diese antike, knapp zwei Meter lange Bronzetrompete komponiert und sich gefragt, «wie menschliche und nicht-menschliche Kreativität aus längst vergangenen Zeiten in Körpern, kulturellen Artefakten und der Tiefenzeit von Orten weiterlebt und dabei Samen der Widerstandskraft, aber auch potenzielle Gefahren in sich trägt». Weitaus weniger exotisch ist das zweite Soloinstrument des Abends, die Klarinette. Doch composer-in-residence Mark Andre entlockt ihr — angeregt durch ausgiebige Klangexperimente mit Jörg Widmann — eine Vielzahl völlig neuer Sounds. Aus Klappengeräuschen, elektronisch verfremdeten Lufttönen und fragilen Mehrklängen entsteht eine zerbrechliche Musik am Rande des Verstummens. Am Ende führt uns auch dieser Festivalabend nach Amerika: In seiner Oper Doctor Atomic, die er für den Konzertsaal zu einer farbenglühenden Sinfonie kondensiert hat, setzt sich John Adams mit J. Robert Oppenheimer und dem ersten Atombombentest in New Mexico auseinander.