Eine fast einstündige Neunte Sinfonie mit Chor und grossem Orchester: Wer denkt da nicht an Beethoven? Doch «statt die Freude, den schönen Götterfunken zu besingen», evoziere er in seiner Sinfonia N. 9 eine «Welt des Grauens und der Verfolgung, die weiterhin ihre Schatten wirft», erklärte Hans Werner Henze. Zugrunde liegt Anna Seghers’ antifaschistischer Jahrhundertroman Das siebte Kreuz: Sieben Häftlinge fliehen in Nazi-Deutschland aus einem Konzentrationslager, nur einer von ihnen kann sich in die Freiheit retten. Eindringlich und mit grossem Einfühlungsvermögen zeichnet Henze die Todesangst der Flüchtenden und die Brutalität der Verfolgung nach: «eine Apotheose des Schrecklichen und Schmerzlichen» und zugleich «Ausdruck der allergrössten Verehrung für die Leute, die Widerstand geleistet haben in der Zeit des nazifaschistischen Terrors». Das Konzerthausorchester Berlin und seine gefeierte Chefdirigentin Joana Mallwitz geben mit Henzes erschütterndem Bekenntniswerk ihren Festival-Einstand. Und weil Joana Mallwitz nicht nur eine begeisternde Dirigentin ist, sondern auch ohrenöffnend über Musik zu sprechen versteht, wird sie zu Beginn des Konzerts selbst in die Sinfonie einführen.