Mit zwei wuchtigen Akkorden des vollen Orchesters fährt Ludwig van Beethovens Dritte Sinfonie, die Eroica, gleich am Anfang die Ellenbogen aus. Auch seine Fünfte betritt die Bühne mit Aplomb: «Hier komme ich!», scheint das berühmte Ta-ta-ta-taa auszurufen. Und die Vierte? Schleicht sich auf Zehenspitzen herein. Sie beginnt im Pianissimo (wie bei Beethovens Sinfonien nur noch die Neunte), mit einer langsamen Einleitung, die nirgendwo hinzuleiten scheint, sondern tastend umherirrt und harmonisch auf immer neue Abwege gerät.
Welch geheimnisvolles Entree! Doch mit einem überraschenden Crescendo und einer Folge sich beschleunigender Orchesterschläge geht plötzlich die Sonne auf – und die Vierte entspricht fortan der Jahreszeit, in der Beethoven mit ihrer Niederschrift begann: dem Spätsommer 1806.
Die Musik drängt unentwegt vorwärts. Die Streicher wirbeln, die Fagotte hopsen gut gelaunt nebenher, Oboe und Flöte steuern fröhliche Vogelrufe bei. Vollends überschäumend dann das Finale: Ein atemloser Taumel aus rastlos rotierenden Sechzehntel-Figuren, an denen sich einmal sogar das weniger bewegliche Fagott versuchen darf – eine von Fagottist*innen gefürchtete Stelle!
Beethovens Vierte Sinfonie feiert nicht den übermenschlichen Heroen wie seine Dritte. Sie bäumt sich nicht gegen das Schicksal auf wie die Fünfte. Kein Pathos, kein Programm, keine konkreten biografischen Anknüpfungspunkte. Stattdessen pure Lebens- und Spielfreude, Esprit und jede Menge origineller, augenzwinkernder Einfälle.
Genau deshalb wird diese unbeschwerte Sommer-Sinfonie gerne unterschätzt und im Konzertleben eher vernachlässigt: Zu leichtgewichtig sei sie, ein blosses Intermezzo zwischen den monumentalen Schwesterwerken Nr. 3 und 5. Dass es die «griechisch-schlanke Maid» zwischen den «zwei Nordlandriesen» schwer haben würde, ahnte schon Robert Schumann, der Beethovens Vierte innig liebte. Das tat auch Felix Mendelssohn, der sie 1835 sogar für sein Antrittskonzert als Gewandhauskapellmeister in Leipzig auswählte.
Weitere Fans? Franz Schubert war von den harmonisch kühnen 38 Einleitungstakten so begeistert, dass er sie kurzerhand abschrieb, und noch im eröffnenden «Naturlaut» von Gustav Mahlers Erster Sinfonie haben sie Spuren hinterlassen. Leonard Bernstein schwärmte vom «grössten Überraschungspaket, das uns Beethoven geschenkt hat». Und Riccardo Chailly, der die Vierte am 29. März zum Abschluss unseres Spring-Festivals dirigieren wird (in Kombination mit dem ebenfalls sehr sommerlichen Violinkonzert ihres Bewunderers Mendelssohn), stösst ins gleiche Horn: Sie sei «ein unwiderstehliches Stück, voller Schönheit vom ersten bis zum letzten Satz». Auch die Orchester würden sie lieben, insbesondere das turbulente Finale, bei dem die Musiker*innen – auf der vordersten Stuhlkante sitzend – ihr ganzes Können zeigen dürfen.
Tatsächlich zählt Beethovens Vierte zu seinen herausforderndsten Orchesterwerken und verlangt den Musiker*innen einiges an Virtuosität ab. Doch ausgerechnet diese Sinfonie könnte erstmals von einem Liebhaberorchester aus der Provinz gespielt worden sein. Im Sommer 1806 besuchte Beethoven einen seiner Wiener Gönner, den Fürsten Karl von Lichnowsky, auf Schloss Grätz in Schlesien. Gemeinsam unternahm man einen Ausflug nach Oberglogau (heute Głogówek), wo Graf Franz von Oppersdorff residierte. Der musikbegeisterte Adlige unterhielt eine eigene Hauskapelle, deren Mitglieder er aus seinem Personal rekrutierte, und ehrte seine Gäste mit einer Aufführung von Beethovens Zweiter Sinfonie (die passenderweise Lichnowsky gewidmet ist). Ja, er bestellte beim Komponisten sogar eine neue Sinfonie. Innerhalb kurzer Zeit stellte Beethoven seine Vierte fertig und widmete sie Oppersdorff gegen ein Honorar von 500 Gulden, inklusive – wie damals üblich – eines sechsmonatigen exklusiven Nutzungsrechts. Schon vor Ablauf dieser Frist, im März 1807, gelangte Beethovens Vierte jedoch im Wiener Palais des Fürsten Lobkowitz zu Aufführung (im Paket mit ihren drei sinfonischen Vorgängerinnen – ein wahres Mammutprogramm!). Gut möglich allerdings, dass sie zuvor bereits das gräfliche Privatorchester in Oberglogau musiziert hatte. Eine andere Frage ist, inwieweit dieses Ensemble den immensen Anforderungen der Partitur gewachsen war …
Übrigens: Die Vierte Sinfonie scheint Graf Oppersdorff gut gefallen zu haben, denn er beauftragte Beethoven sogleich mit einem weiteren Werk und leistete sogar zwei Anzahlungen. Doch der geschäftstüchtige Komponist hielt ihn zunächst hin und veräusserte seine Fünfte Sinfonie dann («aus Noth», wie er Oppersdorff wissen liess) an den Verlag Breitkopf & Härtel – ohne den grosszügigen Vorschuss des Grafen zurückzuzahlen.
Malte Lohmann
Lucerne Festival Orchestra | Riccardo Chailly | Emmanuel Tjeknavorian