Igor Levit © Felix Broede / Sony Classical
Igor Levit © Felix Broede / Sony Classical

Liebes Publikum

Anreise, Einchecken im Hotel, Probe. Dann Konzert. Anschliessend noch ein Abendessen, vielleicht ein Empfang. Am nächsten Morgen der Weg zum Bahnhof oder Flughafen – und weiter geht’s, zur nächsten Station. So oder ähnlich pflegen die meisten Gastspiele in der Klassikbranche zu verlaufen. Entsprechend flüchtig bleiben die Eindrücke der Orte, an denen wir auftreten, und die Begegnungen mit den Menschen, die uns zuhören. Erst recht unwahrscheinlich ist ein Zusammentreffen mit den Kolleginnen und Kollegen, die vor oder nach dem eigenen Konzert auf dem Podium sitzen oder stehen.

Beim Luzerner Klavier-Fest, das 2023 erstmals unter meiner künstlerischen Leitung stattfindet, soll das anders sein. Nicht bis auf die letzte Stunde durchgetaktete Stars möchte ich präsentieren, sondern Individualist*innen, die sich Zeit nehmen für einen etwas längeren Aufenthalt; die sich einlassen auf echte Begegnungen und – genau wie ich – mit ihrer Kunst über den Augenblick hinauswirken wollen. Ich wünsche mir eine Atmosphäre der Offenheit und des Vertrauens, um einander zuhören zu können, und bin überzeugt, dass sich auch im KKL Luzern die intime Stimmung eines Hauskonzerts erzeugen lässt.

Wir alle, die wir von Berufs wegen an den Tasten sitzen, kennen seit frühester Kindheit die schier endlosen Stunden in der einsamen Übezelle. Dabei studieren wir ja nicht bloss das manuelle «Funktionieren» schwieriger Stücke ein. Zurückgeworfen auf uns selbst, suchen wir die direkte Mitteilung, ein Sprechen in Musik, das die Menschen im Saal erreichen und berühren soll. Umso mehr wächst in solchen Phasen der Isolation das Bedürfnis nach spontanem Feedback und nach Gemeinsamkeit mit Ihnen: unserem Publikum.

Zwei Prinzipien haben mich bei der Konzeption des Klavier-Fests geleitet: zum einen der Wunsch, dass alle Mitwirkenden nach Möglichkeit über die gesamte Dauer in Luzern bleiben, um nicht nur mit dem Publikum, sondern auch miteinander interagieren zu können – auf und abseits der Bühne. Wichtig ist mir zum anderen das Miteinander von notierter und improvisierter Musik, von Klassik und Jazz, Disziplin und Freiheit.

Alexei Volodin habe ich vor knapp 20 Jahren kennengelernt. Schon damals wollten wir gerne zusammenarbeiten. Der seit langem in Spanien lebende Russe ist einer der besonders seriösen und gewissenhaften Interpreten eines auffallend breiten Repertoires; ein Pianist überdies, der einen wunderbar leuchtenden Klang mit faszinierender Tiefenstaffelung der Stimmen und Verläufe verbindet. Das Eröffnungskonzert werden Alexei und ich gemeinsam gestalten und neben Klassikern für zwei Klaviere von Mozart, Rachmaninow und Debussy auch jeweils ein Werk alleine spielen.

Anna Vinnitskaya bewundere ich seit vielen Jahren als frappierend souveräne Interpretin einiger der anspruchsvollsten Klavierkonzerte. Nicht minder begeistert bin ich von ihrem technisch superben und zugleich so fantasievollen Zugang zu pianistischen Visionären wie Chopin, Skrjabin oder Ravel, die entscheidend die Vorstellung eines genuin virtuosen Klavierstils geprägt haben, deren Handschrift sich mir selbst bislang aber weniger intuitiv erschliesst.

Damit komme ich zu meinem eigenen Rezital: Während ich zunächst mit liedhaften Kleinformen in eine melancholisch getönte Stille hineinhorche, stelle ich mich im quasi sinfonisch ausgreifenden zweiten Teil privaten und politischen Katastrophen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das «Adagio» aus Mahlers Zehnter Sinfonie – hier in einer Klavierfassung von Ronald Stevenson – ist ein zutiefst persönliches Bekenntnis, während Prokofjews berühmte Siebte Klaviersonate von 1942 einen Reflex auf den Zweiten Weltkrieg darstellt.

Der amerikanische Jazzpianist und Komponist Fred Hersch, dessen Variations on a Folk Song ich 2022 in der New Yorker Carnegie Hall uraufgeführt und auch in Luzern vorgestellt habe, wird über drei Jahre hinweg einen Zyklus neuer Songs Without Words für mich schreiben, wobei jeweils sechs dieser lyrisch erfüllten Sätze zu einem Set zusammengefasst sind. Der Titel, der auf Mendelssohn Bezug nimmt, ist mit Bedacht gewählt: Hersch betrachtet seine Miniaturen als «Genrestücke, die gesungen werden könnten». So entsteht ein kleines, 18 Nummern umfassendes Songbook, dessen Schätze, wie ich hoffe, auch über das Luzerner Klavier-Fest hinaus Bestand haben werden.

Fred Hersch, der Klavierspieler, hat mich in den vergangenen Jahren mehr beeindruckt und beeinflusst als alle anderen. Als ich ihn vor Jahren erstmals in New York im Village Vanguard hörte, spielte er als Zugabe seine Version von Billy Joels Song And So It Goes: Wie Fred phrasierte, wie seine Finger die Tasten berührten und nie ganz verliessen, sodass er im Grunde fortwährend auszuatmen schien – das war für mich eines der ganz grossen Klaviererlebnisse. Fred wird nicht nur mit seinem wunderbaren Trio nach Luzern kommen, er spielt auch ein Soloprogramm, bei dem er phasenweise in einen musikalischen Dialog mit mir tritt – wie, das wird sich relativ spontan aus der Situation heraus ergeben.

Eine ganz andere Verbindung zwischen Jazz und Klassik stellt die 1995 geborene deutsche Pianistin Johanna Summer her. Als ich anfing, mich mit ihrem Programm Schumann Kaleidoskop zu beschäftigen, das von Stücken aus Schumanns Kinderszenen oder dem Album für die Jugend zu improvisatorischen Exkursionen ansetzt, war ich sofort gefesselt von der eigensinnigen, nie gefälligen Poesie der jungen Kollegin. Was sie spielt, ist klar, cool, unverschnörkelt und präzise. Johanna Summer geht erstaunlich frei mit den romantischen Vorlagen um, besticht aber zugleich durch Ökonomie und Genauigkeit in der Entwicklung ihrer eigenen Ideen.

Den Abschluss des Klavier-Fests bildet ein «pianistisches Klassentreffen». In einer kurzweiligen Stafette wechseln wir einander auf der Bühne ab. Wir veranstalten kleine Wettstreite, wie sie Johann Sebastian Bach einst gegen seine Konkurrenten auf der Orgel zu bestehen hatte und wie sie noch heute als «Battles» im Jazz oder im Rap populär sind. Am Ende aber geht es um einträchtiges Zusammenspiel: Wir verbinden uns in unterschiedlichen mehrhändigen Konstellationen und geniessen das harmonische Zusammenkommen von Menschen, die es gewohnt sind, ganz allein für Stimmung im Saal zu sorgen. Ich bin sicher, das wird nicht nur für uns Musizierende ein grosser Spass sein – sondern auch für Sie, verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer!

Ich freue mich auf Sie!

Ihr
Igor Levit

Founding Partners: Berthold Herrmann und Mariann Grawe-Gerber

Klavier-Fest 2023