Reinhold Friedrich bleibt daheim!

Konzertsäle geschlossen, keine Musikerinnen und Musiker auf der Bühne zu einem Klangkörper vereint um gemeinsam zu musizieren und das Publikum zu begeistern. Denn seit der Coronakrise findet Musik nur noch im geschützten Raum, in den eigenen vier Wänden statt. Doch was bedeutet dies für den Beruf als Musikerin und Musiker? Wir haben Mitglieder des LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA gefragt: Trompeter Reinhold Friedrich.

Was bedeuten die Coronakrise und die durch sie bedingten Einschränkung für dich persönlich? Wie sieht dein Alltag aus?

Wir haben alle eine recht ungewöhnliche Zeit hinter uns und eine ebenso ungewöhnliche Zeit vor uns. Wir haben hier unterschiedliche Erfahrungen mit der Coronakrise gemacht – mit dem Daheimbleiben, mit den ganz normalen sozialen Kontakten, die nicht mehr so stattfinden, wie wir es bislang gewohnt waren, und mit den Einschränkungen, die wir nun alle erleben müssen. Und auch fürs Musizieren ist das sehr dramatisch. Denn Musik machen heisst, soziale Kontakte in Töne zu übertragen – und das kann natürlich leider momentan nicht stattfinden. Wir haben versucht, Auswege aus dieser Krise zu finden, Übergangslösungen, die aber nicht ansatzweise mit dem zu vergleichen sind, was wir vorher hatten.

Daneben ist es aber auch so, dass man auf einmal Freizeit hat und Dinge tun kann, die man sonst nicht tut. So kann ich z. B. auf einmal mein Musiknotenarchiv mit Tausenden von Noten ordnen (nach vielen Jahren des mittleren bis grösseren Chaos) und andere Dinge im Haus erledigen und richten. Und natürlich viel üben – das geht und das müssen wir ja ohnehin immer machen. Aber das ist nur zum Teil befriedigend!

Wir in der Musikhochschule Karlsruhe und alle anderen Kolleginnen und Kollegen auf der ganzen Welt haben Studentinnen und Studenten, die ebenfalls daheim bleiben müssen, warten und nicht das machen können, was sie normalerweise tun, nämlich mit ihren Lehrern an ihrer Karriere weiterarbeiten. Wo oder wann wird sich wieder eine Tür öffnen, damit eine musikalische Karriere wieder möglich sein wird? Das alles ist momentan nicht nur eingeschränkt, sondern im grossen Masse beschädigt. Zwar können wir mit unseren Schülern mit technischen Mitteln in Kontakt treten. Aber nicht persönlich direkt miteinander arbeiten zu können, ist schädigend und der Online-Unterricht nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Wenn man ein Stück spielt, ist z.B. die Dynamik komplett eingeebnet; man hört eigentlich nur rudimentär, was da gerade musiziert wird.

Wir haben die letzten Tage versucht, in unserer Gemeinde musikalisch aktiv zu sein, indem meine Frau, mein Sohn, seine Freundin und ich jeden Abend nach dem «Coronageläut» der evangelischen Kirche um 19.30 Uhr – übrigens ein schönes Geläut, denn die Glocken klingen unglaublich schön – gemeinsam auf dem Balkon für die Passanten und die ganze Nachbarschaft musiziert haben. Es haben sich die Türen geöffnet, und nachdem wir gespielt hatten, wurde heftig geklatscht und alle haben sich gefreut. Die Musikstücke haben wir entsprechend ausgesucht. So versucht man, irgendwie das Schlimmste zu vermeiden und sich damit zu motivieren, dass das Ganze auch mal vorübergehen muss.

Desweiteren haben wir einen schönen Gottesdienst in einer komplett leeren Kirche gefeiert, der per Live-Stream übertragen wurde – so haben wir unsere Zeit verbracht. Aber natürlich mit grossen Einschränkungen, und jeder war etwas traurig. Nun hoffen wir, dass es bald wieder andere Zeiten gibt, in denen wir fröhlich gemeinsam mit dem Publikum, das wir immer brauchen werden, zusammensitzen.

Gleich zwei musikalische Beiträge gibt es von Reinhold gemeinsam mit seiner Frau Eriko:
Johannes Brahms «Guten Abend, Gute Nacht»Gabriel Parès «Crépuscule»