«Was ist das für ein Klang!»

«Wir sind LUCERNE FESTIVAL»: Das musikalische Live-Erlebnis lässt sich nicht ersetzen. Wir haben Musikerinnen und Musiker, langjährige Festival-Besucher und Mitglieder des Festival-Teams nach ihren schönsten Momenten bei LUCERNE FESTIVAL befragt. Denn ein Konzert endet nicht mit dem Schlussapplaus, sondern hallt nach – im besten Fall jahrelang. Wir freuen uns sehr, dass Walter Erdt seine persönlichen Eindrücke über einen ganz besonderen Besuch im Rahmen von «Life is Live» vor wenigen Tagen mit uns teilt:

Persönliche Eindrücke eines Glockensachverständigen zu Peter Conradin Zumthors Projekt «Luzerner Glocken – con sordino»

Das renommierte LUCERNE FESTIVAL lädt ein zu einer Klanginstallation mit Kirchenglocken, verbunden mit einem Glockenspaziergang: Da muss ich unbedingt hin, dachte ich mir, und machte mich auf den Weg nach Luzern.

Jesuitenkirche Luzern © Priska Ketterer / LUCERNE FESTIVAL

Die erwartungsvoll gespannten 250 Besucher wurden freundlich empfangen und registriert. Was werden wir wohl erleben? Als Glockensachverständiger habe ich bereits hunderte von Glocken gehört und bin durch viele Analysen des Glockenklangs mit dem Teiltonaufbau von Glocken vertraut. Doch wie wird eine Glocke klingen, wenn man die Klöppel mit Gummi abdämpft?

Einführung © Priska Ketterer / LUCERNE FESTIVAL

Nach einer Einführung des Veranstalters und des Künstlers heben die Glocken der Jesuitenkirche ganz leise zu klingen an, die Ohren lauschen dem Klang. Die Klöppelanschläge sind kaum zu hören. Stattdessen erklingt ein Summen, wie von Glas oder Porzellanglocken, leise, etwas hohl, zerbrechlich. Wo ist der gewohnte Läute-Rhythmus geblieben? Sonst schlagen die Glocke doch regelmässig auf beiden Seiten an? Rätselhaft.

Jesuitenkirche Luzern © Priska Ketterer / LUCERNE FESTIVAL

Unter Glockengeläut, das wie ein Abschiedsgruss wirkt, setzt sich die Menge in Bewegung zur Peterskapelle. Dort werden wir bereits mit Glockenklang empfangen. Und was ist das für ein Klang! Hier hört man Grossseptakkorde, erklingen Dauertöne. Wie kann es sein, dass Töne zu hören sind, die gar nicht im Klangaufbau der Glocke vorhanden sind? Ich stehe vor einem Rätsel. Auch hier werden wir freundlich mit Glockenklang verabschiedet und gehen unter prasselndem Regen weiter zur Matthäuskirche, die uns ebenfalls bereits mit Glockenklängen erwartet. Ich gebe meine Gehörsanalyseversuche auf und geniesse einfach den Klang. Trotzdem frage ich mich, wie es sein kann, dass bei den Anschlägen immer wieder neue Töne erklingen, fast wie eine Melodie.

Den Abschluss und Höhepunkt bildet die Hofkirche St. Leodegar. Das Klangvolumen der grossen Glocken füllt den Vorplatz und die Treppenstufen davor. Alle lauschen gespannt und geniessen das allmähliche Ausläuten mit der grossen Glocke. Auch das Wetter spielt mit, und es ist wieder trocken. Nach einer andächtigen Stille erhebt sich ein ergriffener Applaus für diese wohl einmalige Klanginstallation, und man wünscht sich, dass sie nicht die letzte dieser Art gewesen sein wird.

Ganz herzlichen Dank an das Team von LUCERNE FESTIVAL und den Komponisten Peter Conradin Zumthor: Es war ein bisher unerhörtes Ereignis.

Walter Erdt, Amtlicher Glockensachverständiger der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern