«Répons» in Donaueschingen

Tod Machover erinnert sich an eine dramatische Premiere

Im Oktober 1981 sollte Pierre Boulez seine Komposition Répons bei den Donaueschinger Musiktagen zur Uraufführung bringen. Dieses Projekt war für ihn überaus wichtig, handelte es sich doch um das erste Werk, das er am Pariser IRCAM realisiert hatte, und um das erste, in dem die neueste Generation der Digitaltechnik zum Einsatz kam. Für das IRCAM war dies ein zentraler Anlass, denn die Welt wollte sehen, was dieses geheimnisvolle unterirdische Forschungszentrum hervorzubringen vermochte, ob es den finanziellen Aufwand wert war – und wie sich Boulez auf eine neue Generation von Maschinen und Konzepten einstellte. Ich war im Herbst 1978 als «composer-in-residence» (oder eher: als «Versuchskaninchen-in-residence») zum IRCAM gestossen und hatte im Januar 1980 die Leitung im Bereich Musikforschung übernommen. Ich war eng in die Entwicklung der digitalen Synthesizer unter Giuseppe «Peppino» di Giugno eingebunden – zunächst der 4A-, 4B- und 4C-Geräte, dann des mächtigen, aber fragilen 4X – und zudem zum Projektleiter für die Entwicklung von Répons ernannt worden. Ich wusste also, wieviel von dieser Premiere für alle Beteiligten abhing.

Pierre hatte die Partitur von Répons gerade noch rechtzeitig vor den in Paris stattfindenden Proben abgeschlossen, und auch der 4X war in letzter Sekunde fertiggestellt und programmiert worden. Er war buchstäblich Handarbeit: ein Gerät mit empfindlichen Schaltkreisen, verkabelt mit einem mittelgrossen, alles andere als transportablen Computer (damals gab es noch keine PCs). Die eigens geschriebene Software, entworfen von Jean Kott, sollte es ermöglichen, die instrumentalen Live-Klänge mittels Oszillatoren und Multiplikatoren zu modulieren, zu verzögern und im Raum zu bewegen. Wie ein speziell aufgerüsteter italienischer Sportwagen übertraf der 4X leistungsmässig alle anderen Geräte, hatte aber keine Bedienungsanleitung, sondern benötigte Peppinos ganz persönliche Betreuung, um zu funktionieren. Der 4X hatte Paris nie zuvor verlassen, doch er schien die Reise nach Donaueschingen überlebt zu haben und liess sich einschalten und – mehr oder weniger – zum Laufen bringen, nachdem wir die Sporthalle erreicht hatten, in der das Konzert stattfinden sollte.

Die Proben verliefen zufriedenstellend, wiewohl es die üblichen kleineren, behebbaren Probleme und Fehler mit der brandneuen Maschine gab. In den Stunden bis zur Aufführung verschlechterte sich das Wetter zunehmend, und die Regentropfen prasselten so vernehmlich aufs Dach der Sporthalle, als handle es sich um einen obligaten Schlagzeugpart. Der Saal war bei dieser Uraufführung bis zum Platzen gefüllt, und zwar mit dem «Who is Who» der internationalen Musikszene, darunter Journalisten, Musikforscher, Interpreten und Komponisten-Kollegen, Freunde wie Feinde. Die Donaueschinger Fassung von Répons dauerte nur 20 Minuten – mir erschien sie mit ihren vier kontrastierenden Abschnitten und der perfekten Gesamtform immer als die ideale Version –, weshalb geplant war, das neue Stück ein erstes Mal zu spielen, um es dann nach der Pause zu erläutern und die verwendete Technologie vorzuführen, woraufhin eine zweite Aufführung stattfinden sollte.

So sehr sich die Spannung innerhalb des Konzertsaals in Erwartung der Aufführung stieg, so sehr verschlechterte sich draussen die Witterungslage. Es goss in Strömen, Blitz und Donner folgten immer rascher aufeinander. In dieser Atmosphäre betrat Pierre das Podium, um diese historische Aufführung beginnen zu lassen. Wie alle nachfolgenden Versionen von Répons begann auch die Donaueschinger Uraufführungsfassung mit schnellen rhythmischen Figuren eines Kammerorchesters aus Holzbläsern, Blechbläsern und Streichern, das zunächst noch ganz ohne elektronische Klänge auskommt. Die Musiker mit Pierre am Pult waren auf einer Bühne mitten in der riesigen Halle platziert. Das Publikum sass rund um diese Bühne und war wiederum von sechs Solisten umringt, die auf der Galerie des Saals Aufstellung genommen hatten und mit dem 4X und Verstärkern verbunden waren. Einen ihrer Höhepunkte erreicht die Musik, wenn das in der Raummitte platzierte Ensemble nach ungefähr sieben Minuten des instrumentalen «Gewusels» auf einem Tremolo-Akkord innehält und plötzlich die sechs Solisten mit kraftvollen Linien hereinbrechen, die mithilfe der Elektronik im ganzen Raum verteilt werden. Es ist, als ob sich der Himmel auftut und eine völlig neue Welt offenbart.

Alles ging gut während der sieben rein akustischen Minuten, auch wenn man hören konnte, wie der Sturm draussen immer stärker wurde. Die Musiker erreichten ihren Tremolo-Akkord, Pierre hielt die Fermate aus, und diejenigen von uns, die in der technischen «Kommandozentrale» sassen – direkt hinter Pierre –, hofften mit gekreuzten Fingern und angehaltenem Atem, dass der 4X so wie geplant funktionieren würde bzw. dass er überhaupt funktionieren würde, so anfällig wie er war. Genau in diesem Moment, kurz bevor Pierre den sechs Solisten das Signal zum Einsatz geben konnte, war draussen ein gewaltiger Donnerschlag zu vernehmen, gefolgt von einem hell aufleuchtenden Blitz. Dann gab es einen grossen Knall, und die komplette Elektrizität in der Sporthalle gab ihren Geist auf. Kein Licht, kein Laut, nichts. Alle warteten schweigend, dass der Strom zurückkäme, aber es geschah nichts.

Bevor jemand ein Wort sagen konnte, verkündete Pierre – vollkommen ruhig und äusserst charmant – vom Podium aus (natürlich unverstärkt): «Infolge der besonderen Umstände wird die Pause jetzt stattfinden. Wir sehen uns in zwanzig Minuten wieder hier.»

Bei uns in der Technikzentrale wusste keiner, was als nächstes passieren würde. Sogar in der geschützten unterirdischen Umgebung des IRCAM war der 4X instabil, weshalb fraglich war, ob er sich nach solch einem heftigen Stromausfall wieder zum Laufen bringen liesse – und wenn ja, mit welchen Schäden. Würde sich der Stromausfall überhaupt beheben lassen – und wenn ja, wann? Hatte die technologische Hybris dieses Projekts Schiffbruch erlitten? Bald stellte sich heraus, dass der Strom in der gesamten Stadt ausgefallen war, doch nach etwa fünf Minuten war der Schaden behoben. Unsere Techniker-Crew startete den 4X erneut, überprüfte alle Schaltkreise und verschaffte sich einen raschen Überblick, um sicherzustellen, dass keine wesentlichen Datenspeicher zerstört worden waren. Ohne Test liessen sich mögliche Schäden nicht zweifelsfrei feststellen, doch dafür war keine Zeit mehr. Die Aufführung musste weitergehen.

Boulez blieb während all dem gelassen und gefasst. Er lächelte und fragte uns, ob grundsätzlich alles in Ordnung sei. Dann ging er fort und liess uns testen und verbessern, soweit das auf die Schnelle möglich war. Er wusste, dass er mit dieser leistungsfähigen neuen Technologie ein Risiko eingegangen war, aber er vertraute in die Geräte und die Menschen, die sie betreuten. Er wusste, dass wir jedes Detail in den Proben durchgespielt hatten und Techniker wie Musiker genau wussten, was sie tun mussten. Ebenso wusste er, dass er die Natur nicht kontrollieren konnte und alles Menschenmögliche für eine erfolgreiche Aufführung getan hatte. Kaum waren die Lichter wieder angeschaltet und der 4X neu gestartet, gab man das Signal zur Wiederaufnahme des Konzerts.

Als die Musiker des Ensemble intercontemporain ihre siebenminütige akustischen Einleitung erneut spielten, war die Spannung natürlich nochmals erhöht. Aber diesmal lief alles einwandfrei: Weder Blitz noch Donner hielten die sechs Solisten von ihrem Einsatz ab, und die Aufführung gelang perfekt. Ohne Pause schloss Boulez seine Erläuterungen zur Partitur an, und dann erklang Répons ein zweites Mal.

Wie vielen anderen Anwesenden war auch mir sofort bewusst, an diesem Abend ein Meisterwerk gehört zu haben – und das unter unvergesslich dramatischen Umständen. Auch hatten wir alle einen Pierre Boulez in Bestform erlebt: einen Künstler, der für seine Kunst grosse Risiken eingeht; der auch in Notlagen gelassen, ruhig und charmant bleibt; der sein Team mit grosser Wärme unterstützt; der den entscheidenden Moment genauestens vorbereitet und doch weiss, dass nicht alles geregelt werden kann. Diese Eigenschaften – und viele andere mehr – habe ich seither immer wieder an Pierre Boulez beobachtet, aber nie wieder derart lebendig wie bei der Premiere von Répons.

Tod Machover

Tod Machover, geboren in 1953 in Mount Vernon im Bundesstaat New York, war ab 1978 am Pariser Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique (IRCAM) tätig, das ihn 1980 zum ersten «Director of Musical Research» ernannte, und wechselte 1985 ans neugegründete Media Lab am Massachusetts Institute of Technology (MIT) nach Boston, wo er u. a. die Abteilungen «Hyperinstruments» und «Opera of the Future» leitet. In diesem Sommer ist er «composer-in-residence» bei LUCERNE FESTIVAL.

(Übersetzung: Malte Lohmann)

Weitere Beiträge