Raphaël Schenkel bleibt daheim!

Konzertsäle geschlossen, keine Musikerinnen und Musiker auf der Bühne zu einem Klangkörper vereint um gemeinsam zu musizieren und das Publikum zu begeistern. Denn seit der Coronakrise findet Musik nur noch im geschützten Raum, in den eigenen vier Wänden statt. Doch was bedeutet dies für den Beruf als Musikerin und Musiker? Wir haben Mitglieder des LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA gefragt: Klarinettist Raphaël Schenkel.

Was bedeuten die Coronakrise und die durch sie bedingten Einschränkung für dich persönlich? Wie sieht dein Alltag aus?

Zum ersten Mal seit Jahren verbringe ich mehr als zwei Wochen an einem Ort. Kurz vor dem Shut-down bin ich noch zu meiner Freundin nach Frankreich geflogen. Hier ist zwar im Gegensatz zu Deutschland eine Ausgangssperre verhängt worden, aber immerhin sind wir dann nicht alleine.

Ich finde es interessant zu sehen, wie jeder in meinem Umfeld unterschiedlich auf diese ungewöhnlichen Umstände reagiert. Es ist ein nie dagewesener Zustand. Für uns Europäer, die wir an eine fast uneingeschränkte Reisefreiheit gewöhnt sind, etwas Unvorstellbares.

Ich für meinen Teil habe mich dazu entschlossen, eine Art «Social-Media-Fasten» zu machen, d.h. ich verzichte seit vier Wochen komplett auf Facebook, Instagram und Co. Es ist erstaunlich, wie viel Zeit man plötzlich hat, um mit Freunden und Verwandten zu telefonieren, zu lesen, zu meditieren, zu kochen ... Mit meinen beiden Geschwistern «treffe» ich mich einmal wöchentlich zum Video-Aperitif. Jedoch vermisse ich den direkten Kontakt mit meiner Familie und meinen Freunden. Auch das Schwimmen und Radfahren fehlen mir sehr (hier in Frankreich darf man Sport ausserhalb der Wohnung ja maximal im Umkreis von einem Kilometer betreiben). Und Sport in der Wohnung ist nicht wirklich mein Ding.

Was bedeutet es beruflich?

Zunächst einmal bin ich sehr dankbar, eine feste Stelle in einem Orchester zu haben, weswegen die finanziellen Auswirkungen zunächst einmal nicht so dramatisch sind wie für viele meiner freischaffenden KollegInnen.

Aber auf einen Schlag fühlt man sich ziellos. Alle Konzerte, auf die man hingefiebert hat, fallen aus; berufliche Pläne, die man hatte, machen plötzlich keinen Sinn mehr. Auch frage ich mich mit grosser Sorge, wann und wie es wieder weitergeht. Soeben musste ich mein für Juli geplantes Kammermusik-Festival in Süddeutschland absagen. Ein harter Schlag.

Das einzige, was in eingeschränktem Masse möglich ist, ist meine Unterrichtstätigkeit am Royal Nothern College in Manchester, die ich per Videotelefonie weiterführen kann. Der «Live-Unterricht» ist jedoch durch nichts zu ersetzen – er leidet einfach zu sehr an der Klang-Übertragung.

Musizieren ist ja eigentlich ein soziales Erlebnis: Musiker spielen miteinander, das Publikum hört zu. Was machen Musiker, wenn das plötzlich wegfällt?

Es erfordert unglaublich viel Selbstdisziplin, sich zum Arbeiten zu motivieren und vor allem neue, eigene Ziele zu definieren. In meinem Fall kommt hinzu, dass ich in meinem provisorischen Zuhause wegen der Nachbarn nur wenig am Instrument üben kann. Mental üben hilft hier zum Glück sehr.

Ich lese viel und versuche, diesen Stillstand als eine Chance zu nutzen, Liegengebliebenes nachzuholen oder einfach meine Batterien aufzuladen.

Vor allem aber denke ich an die unzähligen Menschen, die dieser Epidemie weltweit schutzlos ausgeliefert sind, aufgrund von Armut, Krieg und Vertreibung. Auch habe ich grössten Respekt vor dem ganzen medizinischen Personal, das mit allen Mitteln versucht, dem Virus die Stirn zu bieten.

Ein Ständchen aus Raphaëls provisorischem Wohnzimmer in Frankreich
"Someday my prince will come" von Frank Churchill und Larry Morey