«...macht das über 2.000 Konzerte»: Jürg R. Reinshagen

«Wir sind LUCERNE FESTIVAL»: Das musikalische Live-Erlebnis lässt sich nicht ersetzen. Wir haben Musikerinnen und Musiker, langjährige Festival-Besucher und Mitglieder des Festival-Teams nach ihren schönsten Momenten bei LUCERNE FESTIVAL befragt. Denn ein Konzert endet nicht mit dem Schlussapplaus, sondern hallt nach – im besten Fall jahrelang. Wir freuen uns über das persönliche Gespräch mit Jürg R. Reinshagen, Ehrenpräsident von LUCERNE FESTIVAL (Interview geführt von Katharina Schillen):

Lieber Herr Reinshagen, dürfen wir Sie um eine Schätzung bitten, wie viele Konzerte Sie bis heute miterlebt haben bei LUCERNE FESTIVAL?

Ich habe es überschlagen, kann es allerdings nicht genau sagen. 1971 bin ich als Direktor ins Hotel Palace gekommen und habe ab dann jedes Jahr sämtliche Sinfoniekonzerte besucht. Damals gab es nur das Sommer-Festival, später kamen der verlängerte Sommer, dann das Frühjahrs- und Herbst-Festival hinzu. Alles zusammen macht das über 2.000 Konzerte.

Ich stamme aus einer Musikerfamilie: Mein Vater war Dirigent, in Zürich am Opernhaus – damals hiess es noch Stadttheater –, mit Gastspielen in Wien, München, Hamburg und London. Jedenfalls bin ich mit der Musik aufgewachsen, sie ist für mich ein Stück weit Lebenselixier, auch wenn ich sie nicht selbst ausübe. Zwar habe ich Klavier gespielt, aber ohne Chance auf eine professionelle Laufbahn … So bin ich dann in die Hotellerie gegangen. Und habe versucht – indirekt auch durch meinen Vater, der einige der damaligen Künstler kannte, Karl Böhm oder Otto Klemperer etwa –, diese Künstler ins Palace zu bringen. Mit Erfolg: Am Schluss habe ich eigentlich alle Festival-Künstler bei mir gehabt. Das war schön und sehr interessant und hat auch zu engen persönlichen Kontakt geführt. Mit Mariss Jansons etwa ist eine richtige Freundschaft entstanden, ihn haben wir in Pittsburgh besucht oder wo immer er war.

Das Palace war ein guter Treffpunkt für Künstler und Publikum. Viele haben hier nach den Konzerten noch gegessen, auch wenn es spät war. Wir hatten zwar einen Klavierspieler im Hotel, einen Unterhalter. Doch während der Festivalwochen ist er nicht aufgetreten, sondern ich habe ihn in die Ferien geschickt, weil ich die Künstler nicht mit Unterhaltungsmusik stören wollte. Auch Herbert von Karajan war übrigens ein treuer Gast und ist jedes Jahr gekommen, bis zu seinem Tod.

Jürg Reinshagen mit Mariss Jansons und dessen Frau Irina

Jürg Reinshagen mit Mariss Jansons und dessen Frau Irina

Welches Konzert ist Ihnen unvergesslich? Und warum?

Da müsste ich einige aufzählen, beschränke mich aber auf das, was in letzter Zeit passiert ist. Natürlich Bernard Haitinks Abschiedskonzert mit den Wiener Philharmonikern im vergangenen Sommer! Anderes auch, aber ich möchte nicht klassifizieren und einordnen, und dieses Konzert ist mir einfach sehr präsent, auch emotional. Zumal wir zu Bernard Haitink eine ganz besondere Beziehung hatten: Wir hatten ihn schon in frühen Jahren einmal eingeladen, im Anschluss an ein Konzert zu uns nach Hause zu kommen, und danach wollte er nirgendwo anders mehr hin und hat immer gefragt: «Darf ich wiederkommen?» Er war dann immer mit seiner Frau bei uns und ist manchmal sehr lange geblieben. Nach der geistigen und körperlichen Anstrengung eines Konzerts kannst du ja nicht einfach ins Bett und schlafen gehen.

In Ihre Zeit als Festivalpräsident fällt das verheerende Hochwasser im Sommer 2005. Zwar musste damals nicht gleich das ganze Festival abgesagt werden, aber doch immerhin sieben Konzerte. Wie ging das vonstatten?

Da waren wir machtlos. Operativ habe ich nicht eingegriffen, das hat alles Michael Haefliger organisiert, aber ich habe ihn immer unterstützt. An einem Abend hätte Thomas Quasthoff singen sollen – einen Liederabend, wenn ich mich richtig erinnere. Er war bereits in Luzern und natürlich einigermassen sauer über die kurzfristige Absage. Ich habe ihm dann vorgeschlagen, mit meiner Frau und mir essen zu gehen anstelle des Konzerts, und wir haben einen sehr interessanten und animierten Abend mit ihm und seinem Bruder verbracht. Das ist das Wenige, was ich in dieser besonderen Situation beitragen konnte.

Insgesamt ist die Entscheidung damals auf Verständnis gestossen, wie jetzt auch wieder. Denn was kann man gegen Naturgewalten schon machen? Selbstverständlich werde ich beim Kurz-Festival «Life Is Live» in diesem Sommer dabei sein. Dennoch ist es traurig, dass ein so schönes Programm mit all den Künstlern ausgearbeitet war, und die stehen nun auf der Strasse. Teilweise sind sie finanziell abgesichert, weil sie etwas gespart haben. Aber andere, die haben Probleme, auch Orchester.

Übrigens: Ich kann mich nicht erinnern, je einen hör- oder sichtbaren Unfall erlebt zu haben, der dazu geführt hätte, dass die Musiker abbrechen und neu anfangen mussten. Das erstaunt mich bei so vielen Konzerten, die ich besucht habe, dann doch: die Professionalität, die hier herrscht, der Ernst und der Einsatz. Gerissene Saiten bei den Streichern, das kommt natürlich vor, das kann man nicht beeinflussen. Aber in solchen Fällen sind die Musiker stets sehr gut organisiert und geben beispielsweise die Violine nach hinten oder haben eine Ersatzgeige am Pult.

Erzählen auch Sie uns von Ihrem persönlichen Festival-Highlight!

Ein Konzert endet nicht mit dem Schlussapplaus, sondern hallt nach – im besten Fall jahrelang. Und auch Sie können mitmachen: Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie uns von Ihrem persönlichen Festival-Highlight erzählen. Schicken Sie uns Ihre Geschichte schriftlich oder als Video-Datei an info@lucernefestival.ch.