Irina Simon-Renes bleibt daheim!

Konzertsäle geschlossen, keine Musikerinnen und Musiker auf der Bühne zu einem Klangkörper vereint um gemeinsam zu musizieren und das Publikum zu begeistern. Denn seit der Coronakrise findet Musik nur noch im geschützten Raum, in den eigenen vier Wänden statt. Doch was bedeutet dies für den Beruf als Musikerin und Musiker? Wir haben Mitglieder des LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA gefragt: Violinistin Irina Simon-Renes.

Was bedeuten die Coronakrise und die durch sie bedingten Einschränkung für dich persönlich? Wie sieht dein Alltag aus?

Als Musikerin reihe ich mich in die lange Liste derer ein, die bis auf weiteres keine öffentlichen Auftrittsmöglichkeiten mehr haben. Mein letztes Konzert fand am 10. März in Istanbul statt. Seitdem ist es still geworden in meinem Leben. 

Mein Koffer, der immer halb gepackt in meinem Zimmer lag, liegt jetzt verlassen im Keller. Anstatt Konzerte in New York oder Barcelona zu spielen, spiele ich für mich selbst zuhause. Ausserdem lese ich (sehr viel!!), arbeite im Garten, facetime mit meinen Freunden, Eltern, Onkeln und Tanten und koche (gerne!) für meine beiden Jungs. Aus einer Zeit der Hektik ist eine Zeit der Selbstreflexion geworden. Plötzlich hat man die innere Ruhe zu entdecken, wie wunderschön eine Hummel auf einer Blume aussieht, wie interessant ein Baum im Wind knistert und wie unterschiedlich virtuos Vögel zwitschern können. Dass meine Familie und meine Freunde gesund sind, dass wir einander haben und dass wir soviel Schönes zusammen geniessen dürfen, für das alles bin ich enorm dankbar. 

Durch diese Krise ist es mir schmerzlich bewusst geworden, wie sehr unser Leben an einem seidenen Faden hängt. Und mit dieser Erkenntnis stehe ich sicherlich nicht alleine da ... Wie schön wäre es, wenn wir alle, Menschen auf der ganzen Welt, im Beethoven-Jahr 2020 stärker und vereinter aus dieser Krise herauskommen würden! 

Irina Simon-Renes und Familie

Was bedeutet es beruflich?

Es ist sicherlich eine Herausforderung. Gerade in diesen schwierigen Zeiten müssen wir Musiker dafür sorgen, dass unsere Stimme gehört wird. Seit eh und je ist es unsere Rolle gewesen, über Worte und alle Grenzen hinweg Trost zu spenden und Freude zu schenken. Leider können wir dies aber momentan nicht im traditionellen Kontext eines Konzertsaals tun. Daher bedeuten diese Zeiten für uns alle vor allem: Umdenken. Die Suche nach alternativen Wegen, um den Kontakt zu unserem Publikum aufrechtzuerhalten. Online-Projekte werden immer wichtiger. Ich freue mich jetzt schon auf den Moment, wo ich mein erstes selbst produziertes Video mit einem virtuellen Publikum teilen werde!

Musizieren ist ja eigentlich ein soziales Erlebnis: Musiker spielen miteinander, das Publikum hört zu. Was machen Musiker, wenn das plötzlich wegfällt?

Anfang Juni diese Jahres hätte mein Kammermusikfestival in Wassenaar in den Niederlanden stattfinden sollen. Leider sieht es aber nicht danach aus, dass wir die Konzerte wie geplant vor Publikum spielen können werden. Da wir uns aber als Festival unserer Rolle als kultureller Botschafter und als verbindender Faktor in unserer Gemeinde bewusst sind, haben wir uns entschieden, mindestens ein Konzert im Livestream online anzubieten. Natürlich kostenlos! Finanziell wird es eine riesige Herausforderung für unsere kleine Organisation; wahrscheinlich sogar ein Riesenverlust. Aber die positive Botschaft, die wir damit verbreiten können, ist unbezahlbar. «Gemeinsam» ist das Schlüsselwort!

Es gibt ja momentan erfreulich viele kreative Ansätze, um die soziale Isolation zu überwinden und um kulturelle Angebote trotz allem weiter offen zu halten. Was hat dir besonders gefallen bzw. bist du selbst in dieser Hinsicht engagiert?

Ich finde es wunderschön, Videos von Musikern aus der ganzen Welt zu sehen. Dadurch scheint die ganze Welt zu schrumpfen. Hunderte Wohnzimmer verschmelzen zu einem einzigen grossen, gemeinsamen Zimmer. Ganz besonders hat mich die Online-Kampagne des Mahler Chamber Orchestra beeindruckt, die unter dem Hashtag #KeepPlaying stattfindet. Das Orchester, ein wahres Nomaden-Ensemble, wird momentan in seiner schieren Existenz bedroht. Die Videos der Musiker, viele von ihnen gute Freunde von mir, sind nicht nur toll gespielt, sondern auch unglaublich rührend.

Zu meiner persönlichen Situation: Momentan bin ich damit beschäftigt, Online-Tutorials über technische Fragen des Violinspiels für das Maltesische Jugendorchester aufzunehmen. Auch wurde ich gefragt, einen Video-Beitrag als Geigerin zu leisten für das «Digitale Wohnzimmer» der Bibliothek in Wassenaar, meinem aktuellen Wohnsitz. Und ich freue mich jetzt schon auf die Video-Aufnahmen eines musikalischen Grusses an die Freunde meines Festivals, für die ich zum ersten Mal fünf Musiker virtuell zusammenbringen werde. Das Leben scheint weiterzugehen, wenn auch komplett anders als erwartet.

Irina Simon-Renes gibt uns ein Ständchen aus ihrem Wohnzimmer mit:

"Airs dans le genre roumain no.1" von George Enescu