«Ich vermisse Live-Musik»: Ursula Jones

«Wir sind LUCERNE FESTIVAL»: Das musikalische Live-Erlebnis lässt sich nicht ersetzen. Wir haben Musikerinnen und Musiker, langjährige Festival-Besucher und Mitglieder des Festival-Teams nach ihren schönsten Momenten bei LUCERNE FESTIVAL befragt. Denn ein Konzert endet nicht mit dem Schlussapplaus, sondern hallt nach – im besten Fall jahrelang.

Liebe Frau Jones, welches Luzerner Konzert ist Ihnen unvergesslich? Und warum?

Gar nicht leicht, diese Frage zu beantworten. Meine Erlebnisse bei LUCERNE FESTIVAL sind zahllos! Sie reichen zurück bis in die Anfangsjahre des Festivals. Ich war ein kleines Mädchen und wurde zum Auftritt eines Pianisten mitgenommen, der zugleich auch Komponist war. Mir war damals ganz unverständlich, dass ein Künstler beides kann! (Es war übrigens Sergei Rachmaninow …)

Um von den unzähligen unvergesslichen Konzerten zwei herauszuheben: zum einen die Aufführung von Mahlers Zweiter Sinfonie im Sommer 2003 mit dem LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA unter Claudio Abbado, eines meiner eindrücklichsten Musikerlebnisse beim Festival. Ich kann noch immer den Moment nachfühlen, als der Chor (Orfeón Donostiarra aus Spanien) im Finale «Auferstehen» sang …

Das andere spezielle Erlebnis geht viel weiter zurück. Ich glaube, es war im Sommer 1946 – LUCERNE FESTIVAL hiess damals noch «Internationale Musikfestwochen Luzern» –, als Ernest Ansermet Strawinskys L’Histoire du soldat auf dem Platz vor dem Luzerner Theater dirigierte. Was mir von dieser Aufführung besonders in Erinnerung geblieben ist: die Rolle der Prinzessin, die von einer sehr hübschen jungen Tänzerin aus Rumänien, Sava Alexandra, dargestellt wurde. Sie war damals von der berühmten, aber viel älteren Pianistin Clara Haskil, ebenfalls Rumänin, nach Luzern gebracht worden, und ich durfte Clara Haskil zu dieser Aufführung mit ihrer jungen Landsfrau begleiten.

Sergej Rachmaninow und Ernest Ansermet

Was macht das Musikerlebnis im Konzertsaal für Sie aus?

Das Live-Erlebnis im Konzertsaal ist einzigartig und unübertreffbar. Das wird uns momentan besonders klar, wo wir ja sehr viele interessante, originelle und künstlerisch hervorragende virtuelle Kreationen übers Internet erleben können – und es doch nicht dasselbe ist wie ein echtes Konzert. Ich vermisse Live-Musik, Theater und überhaupt den Live-Kontakt und das direkte Gespräch jeden Tag mehr und sehne mich enorm nach der Zeit, wenn alles wieder «normal» verläuft und wir alles «live» hören und sehen können.

In Ursula Jones’ Elternhaus gingen Grössen der Musik ein und aus: Furtwängler, Karajan, Strauss, Stokowski. Ihre Eltern waren die Luzerner Kulturmäzene Maria und Walter Strebi, er Mitbegründer des heutigen Lucerne Festival, sie die Schwester des Malers Hans Erni. Als junge Übersetzerin verlässt Ursula Jones Luzern und beginnt in London als Sekretärin des Philharmonia Orchestra eine Karriere im Musikgeschäft. Später gründet sie das English Chamber Orchestra und wird zur international einflussreichsten Schweizer Förderin junger Talente in der klassischen Musik: Daniel Barenboim, Pinchas Zukerman, Jacqueline du Pré und vielen anderen verhalf sie zu Weltruhm. Auf dem Gipfel ihres Erfolgs beginnt Ursula Jones ein Archäologiestudium und promoviert mit 60 Jahren. Heinz Stalder erzählt das anekdotenreiche Leben dieser rastlosen Frau in «Die tausend Leben der Ursula Jones».