Am 1. September 2010 beginnt an der Wiener Staatsoper die Ära Welser-Möst. Doch bevor der österreichische Dirigent sein Amt als Generalmusikdirektor des «Hauses am Ring» antritt, ist er bei LUCERNE FESTIVAL zu erleben: Zusammen mit dem Cleveland Orchestra präsentiert er Werke von Schubert und Strauss, Bruckner und Berg – und eine Uraufführung von Toshio Hosokawa.
Als das traditionsreiche Cleveland Orchestra Franz Welser-Möst 1997 in der Nachfolge von Christoph von Dohnányi zum Chefdirigenten ernannte, gelang ihm ein Überraschungscoup. Diese Entscheidung verriet ein mutiges, kenntnisreiches und unorthodoxes Urteil. Manche «Experten» hatten den jungen Österreicher gar nicht als Kandidaten gehandelt – vielleicht deshalb, weil er auf Eigenwerbung oder medienwirksame Star-Allüren verzichtet und stattdessen jene geradezu altmodischen Tugenden kultiviert, die er auch in seinem Buch «Kadenzen" (2007) herausstellt: Präzision, Disziplin, die stetige Arbeit an den Meisterwerken des Repertoires.
Seit acht Jahren amtiert Welser-Möst nun in Cleveland, mit einem Vertrag bis vorerst 2018. Ab der kommenden Spielzeit leitet er zudem als Generalmusikdirektor die Geschicke der Wiener Staatsoper; und auch das legendäre Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker wird er zum Jahreswechsel dirigieren. Ursprünglich hatte er eigentlich Violine und Klavier studieren wollen. Ein schwerer Autounfall im Alter von 18 Jahren, der zur Ertaubung mehrerer Finger führte, vereitelte jedoch diese Pläne. Welser-Möst machte aus der Not eine Tugend, verlegte sich aufs Dirigieren – und erreichte ein Jahr später nicht nur das Finale des Herbert-von-Karajan-Dirigentenwettbewerbs, sondern erlangte überdies die Aufmerksamkeit des Namenspatrons. Danach ging es Schlag auf Schlag: Während Welser-Möst noch im schwedischen Norrköping und in Winterthur Erfahrungen als Orchesterleiter sammelte, wurde er schon von renommierten Klangkörpern und Festivals eingeladen. 1990, gerade einmal 30 Jahre alt, trat er die Chefposition beim London Philharmonic an, 1995 folgte der Ruf ans Opernhaus Zürich. Und auch bei LUCERNE FESTIVAL ist er seit 1999 regelmässig zu Gast.
Für die diesjährige Residenz seines Cleveland Orchestra in Luzern hat Welser-Möst drei Programme zusammengestellt, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Den Auftakt macht am 26. August ein gemeinsamer Auftritt mit Star-Sopranistin Christine Schäfer, der sich mit dem Festivalmotto «Eros» auseinandersetzt und dabei zwei Wiener Meister einander gegenüberstellt: Liebesmacht und Liebesleid stehen im Zentrum der drei Lieder Franz Schuberts wie auch der «Lulu»-Suite von Alban Berg.
Das zweite Konzert am 27. August ist mit Anton Bruckner einem Komponisten gewidmet, der Franz Welser-Möst seit jeher besonders am Herzen liegt: In seiner Jugend war der gebürtige Linzer Sängerknabe in eben jenem Stift Sankt Florian, wo auch Bruckner zehn Jahre lang als Lehrer und Organist wirkte. «Es ist eine Menge von ihm in mir. Ich kann nicht verleugnen, dass ich in derselben Gegend geboren wurde, nur etwa zehn Kilometer entfernt», bekennt Welser-Möst.
Am 28. August schliesslich entführt uns das Cleveland Orchestra in musikalische Traumwelten: von den erotischen Tagträumen in Claude Debussys «Prélude à l’Après-midi d’un Faune» über Richard Strauss’ erträumte Selbsterhebung im «Heldenleben» bis zu Toshio Hosokawas neuem Orchesterwerk «Woven Dreams»: «Einmal habe ich geträumt, ich sei im Bauch meiner Mutter. Folgendes habe ich in diesem Traum verspürt: das wohlige Gefühl, mich in einem warmen Bauch zu befinden, und den schmerzlichen Drang, schon längst geboren sein zu müssen. […] In <Woven Dreams> habe ich versucht, diese Erlebnisse in Musik zu verwandeln», schreibt der japanische Komponist im Vorwort seiner Michael Haefliger gewidmeten Partitur. Dass sich die «Clevelander» bei diesem Abschlussabend in ihrer ganzen Klangpracht präsentieren werden, versteht sich von selbst.
23 Juli 2010