Als Michael Tilson Thomas 1995 zum Musikdirektor des San Francisco Symphony berufen wurde, begann eine «Liebesgeschichte», die bis heute nichts an Leidenschaft eingebüsst hat. Die Besucher von LUCERNE FESTIVAL können bei den drei Konzerten dieses Sommers erleben, worin der Reiz dieser symbiotischen Beziehung besteht.
Im Jahr 2001 nahmen Michael Tilson Thomas (MTT) und das San Francisco Symphony ihren gefeierten Mahler-Zyklus in Angriff. Die Reihe – sie umfasst alle Sinfonien und Liedzyklen – avancierte zu einem künstlerischen Meilenstein für das Orchester und brachte ihm insgesamt sieben «Grammy Awards» ein, drei davon allein in diesem Jahr für die Deutung der Achten und des Adagios aus der Zehnten Sinfonie. Als erstes amerikanisches Orchester begründete das San Francisco Symphony sogar ein eigenes Label für das Mahler-Projekt, das auf Live-Mitschnitten der Konzerte in der heimischen Concert Hall basiert.
«Mahler komponierte seine Musik wie ein Filmregisseur», erklärt MTT, «er schuf weltumspannende Klanglandschaften, die alles enthalten, was unser Leben ausmacht.» In einer Kritik der Fünften Sinfonie bemerkte die «London Times», «dass manche amerikanischen Klangkörper und Dirigenten nicht mehr anbieten als perfekte Technik und Oberflächenglanz; dieses Orchester aber spielt mit Herz und Verstand […] Die Musiker wie auch Tilson Thomas verstehen Mahlers Sprache.» In ihrem ersten Luzerner Programm am 11. September werden die amerikanischen Weltklasse-Mahlerianer eben diese Fünfte Sinfonie aufführen; Mahler hat sie komponiert, als er seine Frau Alma kennenlernte und heiratete. Kombiniert wird das Werk mit der aufregenden und rebellischen Orgelsinfonie von Aaron Copland, eines anderen Favoriten von MTT, den er noch persönlich kennenlernen konnte.
Folgt man Tilson Thomas, dann ist Mahler das Bindeglied zwischen dem klassischen Wien von Beethoven oder Schubert und der modernen Metropole mit ihrem Treibhausklima, in der Alban Berg hundert Jahre später zuhause war. Das zweite Konzert am 12. September spiegelt die einfallsreiche Programmdramaturgie, die MTT und das San Francisco Symphony auszeichnet. Die berühmteste aller «Fünften», jene von Beethoven, steht einem anderen schicksalsschweren Werk gegenüber: dem Violinkonzert von Alban Berg, das er als Requiem auf die früh verstorbene Manon Gropius schuf. Doch mit der Ouvertüre öffnet sich zunächst der Vorhang für Wagners «Fliegenden Holländer», in dem die Liebe für Erlösung sorgt und den gepeinigten Seefahrer von seinem tragischen Fluch befreit.
Gepriesen werden MTT und seine Musiker nicht zuletzt für das klangfarbliche Raffinement ihres Spiels, das stets mit Präzision gepaart ist – ein Markenzeichen des Dirigenten, das er seiner engen Zusammenarbeit mit Igor Strawinsky in dessen späten Lebensjahren verdankt. Diese besondere Qualität wird den dritten Abend am 13. September prägen, einer poetischen Hommage an das Thema des Sommers, «Eros», mit Musik von Berlioz und Ravel.
07 Mai 2010