Er stammt aus einer russischen Musikerdynastie: der Dirigent Vladimir Jurowski, geboren 1972 in Moskau, der in diesem Sommer seinen Einstand bei LUCERNE FESTIVAL feiert. Sein Grossvater war Komponist, sein Vater Michail ist ein international renommierter Kapellmeister, und auch der jüngere Bruder Dmitri dirigiert. Wie fühlt sich Vladimir Jurowski in dieser Gesellschaft?
Lange hatte Vladimir Jurowski gezweifelt, ob er tatsächlich dieselbe Laufbahn einschlagen solle wie sein Vater – mit dieser Berufswahl musste er sich selbst dem Vergleich, der Konkurrenz und einem enormen Erwartungsdruck aussetzen. «Ich habe alle typischen Ängste, Unsicherheiten, Komplexe, Phobien, auf die Sie anspielen, durchgemacht», erzählt er. «Aber ich habe irgendwann eingesehen, dass ich es einfach machen musste. Ich habe nun einmal diese Begabung und wollte immer irgendetwas mit Musik, mit Theater zu tun haben. Als Kind bin ich praktisch im Theater aufgewachsen, im Stanislawski-Theater in Moskau, und im Alter von fünf Jahren habe ich angefangen, Musik zu studieren, Klavier zu spielen. Mit fünfzehn Jahren begann ich, Musiktheorie und Komposition zu studieren. Alle meine Freunde waren Komponisten. Einmal habe ich das Opus eines Freundes mit Orchester, Chor und Solisten geleitet, und obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung vom Dirigieren hatte, hat es irgendwie geklappt. Daraufhin unterrichtete mein Vater mich. Nach dem Mauerfall – damals war ich achtzehn – sind wir mit der Familie nach Dresden gezogen: Dort habe ich zwei Jahre an der Musikhochschule ‹Carl Maria von Weber› studiert, anschliessend an der Hanns-Eisler-Schule in Berlin.»
Im Rekordtempo absolvierte Jurowski eine steile Karriere: 1995 gab er sein internationales Debut beim Wexford Festival, 1998 war er erstmals am Londoner Covent Garden, an der Pariser Opéra Bastille und am Teatro La Fenice in Venedig zu Gast, 1999 stellte er sich an der Metropolitan Opera vor, und 2001 wurde er schon zum Musikdirektor des Glyndebourne Festivals berufen. Trotz seiner Leidenschaft für das Musiktheater sieht Vladimir Jurowski seine Zukunft mittlerweile noch stärker im Konzertbereich. Als Chef des London Philharmonic, dem er seit 2007 vorsteht, hat er sich längst ein breites Repertoire erarbeitet. Als seine Vorbilder nennt Jurowski übrigens Dirigenten wie Bruno Walter und Fritz Reiner, Carlos Kleiber und Charles Mackerras: «Ich mag Menschen, die eine sehr ausgeprägte und keine aufgesetzte Persönlichkeit haben, die keine Maske tragen. Die einfach das leben, was sie sind», bekennt er.
Zu Vladimir Jurowskis Markenzeichen zählen dramaturgisch anspruchsvolle und thematisch konzise Programme, wie er sie nun auch in Luzern vorstellt. Am 11. August widmet er sich mit dem Mahler Chamber Orchestra zwei musikalischen Adaptionen von Shakespeares «Sommernachtstraum», und genau einen Monat später, am 11. September, gestaltet er mit seinem London Philharmonic Orchestra einen Abend im Zeichen des Prometheus-Mythos.
29 April 2011