Sie sei «eine Angelegenheit von Leben und Tod», soll Johannes Brahms einmal über die Sinfonie bemerkt haben. Man muss den existentiellen Ernst dieser Aussage beim Wort nehmen: Ein Mann von über 40 Jahren war Brahms bekanntlich, als er (endlich) den Mut fasste, seinen ersten Beitrag zu jener Gattung zu vollenden, die im 19. Jahrhundert, nach Beethoven, zum «opus metaphysicum» überhöht und damit für die nachfolgende Komponistengeneration in fast unerreichbare Höhen entrückt worden war.
Zwar hatte niemand Geringeres als Robert Schumann in den Klavierwerken des jungen Brahms schon «verschleierte Sinfonien» erkannt und gefordert, Brahms möge sich schnellstmöglich den «Mächten der Masse» – vulgo: «Chor und Orchester» – zuwenden. Doch der solcherart unter Druck Gesetzte blieb skrupulös: Er zögerte lange, tastete sich zunächst in Konzerten, Serenaden und Chorwerken (nicht zuletzt im «Deutschen Requiem») an die ausgreifende Form und das grosse Orchester heran. Doch dann ging es Schlag auf Schlag: Bereits ein Jahr, nachdem die einleitenden wuchtigen Paukenschläge seines sinfonischen Erstlings für Begeisterung gesorgt hatten, erklang 1877 auch schon Brahms’ Zweite Sinfonie – eine «späte Idylle», die von der Naturverbundenheit des Komponisten zeugt.
Bernard Haitink und das Chamber Orchestra of Europe haben diese allmähliche Annäherung an die grosse Form nachvollzogen: Zur Eröffnung ihres neuen Brahms-Zyklus bei LUCERNE FESTIVAL am Piano erklangen mit den beiden Orchesterserenaden und dem Ersten Klavierkonzert jene Werke, mit denen sich der zögerliche Sinfoniker erprobte. Zu Ostern, im zweiten Teil des Grossprojekts, stehen am 9. und 13. April die ersten beiden Sinfonien auf dem Programm. Und auch in Luzern wird sich erweisen, dass Brahms’ abwartende Haltung ein ganz eigenständiges sinfonisches Œuvre hervorgebracht hat.
06 April 2011