Ostern ohne die Bachschen Passionsmusiken? Kaum vorzustellen. Ton Koopman, einer der bedeutendsten Bach-Interpreten unserer Zeit, dirigiert am 14. April die «Johannes-Passion», die bis heute im Schatten der monumentaleren «Matthäus-Passion» steht. Warum eigentlich?
Berlin, März 1829: Der junge Felix Mendelssohn bringt in der Singakademie Bachs «Matthäus-Passion» zur Aufführung – ein denkwürdiges Ereignis von musikgeschichtlicher Relevanz. Lange Zeit waren Bachs grosse Vokalkompositionen nämlich nur einem kleinen Kreis von Kennern bekannt gewesen, waren lediglich in Auszügen und zumeist in privaten Zusammenhängen musiziert worden. Das änderte sich nun schlagartig: Mendelssohns Wiederentdeckung der «Matthäus-Passion» initiierte den Einzug der Bachschen Kirchenmusik ins öffentliche Musikleben, überführte sie in die Konzertsituation und damit in die Sphäre des autonomen Kunstwerks. Es war nicht zuletzt die aufsehenerregende Berliner Aufführung – man würde ihr heutzutage wohl «Eventcharakter» attestieren –, die grossen Anteil an der Sonderstellung der «Matthäus-Passion» in der bürgerlichen Musikpflege hatte. Und diese Sonderstellung hat die spezifischen Qualitäten des älteren Schwesterwerks, der «Johannes-Passion», lange übersehen lassen.
Erstmals dargeboten am Karfreitag 1724 in der Leipziger St. Nikolai-Kirche knüpft die «Johannes-Passion» deutlich an den Typus der Passionshistorie an. Während die «Matthäus-Passion» zahllose Arien und Kirchenlieder in den biblischen Text einschaltet, die das Heilsgeschehen «mitleidend» reflektieren, konzentriert sich die «Johannes-Passion» auf die vom Evangelisten berichtete Leidensgeschichte Jesu und strukturiert den musikalischen Verlauf durch die aufwühlenden «Turba»-Chöre. Sie repräsentieren die zornige Volksmenge und steigern den theatralischen Effekt – etwa in der packenden Auseinandersetzung der Gerichtsszenen vor Pilatus – fast bis zur anschaulichen Bühnenpräsenz. Und so war es kein Geringerer als Robert Schumann, der angesichts der Dramatik und Stringenz der «Johannes-Passion» bemerkte, sie erscheine ihm «um Vieles kühner, gewaltiger, poetischer, als die nach d. Evang. Matthäus». Jene sei «nicht frei von Breiten, und dann überhaupt über das Mass lang – die andere dagegen wie gedrängt, wie durchaus genial, namentlich in den Chören, und von welcher Kunst!» Man muss Schumanns Vorbehalte der «Matthäus-Passion» gegenüber sicherlich nicht teilen; seiner Begeisterung für den ganz eigenständigen, dramatischen Zuschnitt der «Johannes-Passion» ist jedoch unbedingt zuzustimmen. Ostern ohne die «Johannes-Passion»? Kaum vorzustellen.
23 März 2011