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Geistliche Musik im Zeitalter der Säkularisierung

Christian Gerhaher (Alexander Basta/Sony GMB) 

Sakralwerke von Brahms, Liszt und Rachmaninow

Das 19. Jahrhundert – eine Epoche der Sakralmusik? Liszt und Rachmaninow, die umjubelten Klaviervirtuosen, als Schöpfer geistlicher Kompositionen? Neben den Passionen und Oratorien Bachs und Händels steht zu Ostern auch das kirchenmusikalische Schaffen der Romantiker auf dem Programm: Von Brahms’ «Deutschem Requiem» über Liszts «Graner Messe» bis zu Rachmaninows «Grossem Abend- und Morgenlob» spannt sich der Bogen.

Den norddeutschen Protestanten Brahms, den Katholiken Liszt, der von Pius IX. höchstpersönlich die niederen Weihen empfing, und Rachmaninow, der kurz vor Ausbruch der Oktoberrevolution einen Höhepunkt der russisch-orthodoxen Vokalmusik schuf: Sie eint – bei allen Unterschieden – das Bemühen, das Erbe der Kirchenmusik mit den musikalischen Neuerungen ihrer Zeit zu verbinden.

Johannes Brahms etwa sah in seinem «Deutschen Requiem», das am 11. April mit Christian Gerhaher, Sally Matthews und dem Chamber Orchestra of Europe unter Leitung von Bernard Haitink erklingen wird, von den Vorgaben der traditionellen Totenmesse ab. Stattdessen stellte er sich seine Textvorlage selbst aus der Bibel zusammen und sprengte den liturgischen und konfessionellen Rahmen ganz bewusst, um sein «Requiem» für eine allgemein menschliche Religiosität zu öffnen.

Franz Liszt wiederum vertonte in seiner «Graner Messe» zwar den herkömmlichen Messtext und griff überdies auf traditionelle Elemente der musikalisch-rhetorischen Textausdeutung und der Vokalpolyphonie zurück. Doch er verband dies mit einer harmonisch avancierten Tonsprache voller motivischer Querbezüge, die sich deutlich an Liszts Sinfonischen Dichtungen orientiert. Kein Wunder, dass konservative Kräfte in Ungarn die Aufführung dieser «Zukunftsmusik» zu hintertreiben versuchten – allerdings vergeblich: Nicht nur fand die Uraufführung wie geplant 1856 zur Eröffnung der neuen Basilika zu Gran statt. Auch das anschliessende Konzert in Pest machte einen solchen Eindruck, dass die dortigen Franziskaner Liszt zum Mitbruder ernannten. Am 15. April ist die selten aufgeführte «Graner Messe» bei LUCERNE FESTIVAL zu erleben.

Rachmaninows «Grosses Abend- und Morgenlob» schliesslich, das der Chor des Bayerischen Rundfunks am 17. April interpretiert, überführt die überlieferten einstimmigen Gesangsweisen der ganznächtlichen Vigilie in ein spätromantisches Klanggewand. Da Instrumente im orthodoxen Ritus nicht zulässig sind, musste sich Rachmaninow allein auf die menschliche Stimme beschränken – und erreichte dadurch eine ungeheure Intensität im Ausdruck. Entstanden ist die Komposition 1915, zwei Jahre bevor Rachmaninow Russland für immer verliess. Dass der Komponist seiner Heimat bis an sein Lebensende eng verbunden blieb, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass er noch in seinen «Sinfonischen Tänzen» – seinem letzten Werk überhaupt – auf das «Abend- und Morgenlob» anspielte.

03 Februar 2011

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