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Frühlingsgefühle im zaristischen Russland

Mariss Jansons (Marco Borggreve) 

«Gut aussehende Streberin trifft Melancholiker, der Melancholiker gibt die Diva, es fliesst Blut, die gut aussehende Streberin sagt: ‹Später vielleicht›.» So fasste der Rockkritiker Pat Blashill, langjähriger Autor des Musikmagazins «Rolling Stone» und interessierter Neueinsteiger in die Welt der «Klassik», Tschaikowskys «Eugen Onegin» vergangene Woche in der «Süddeutschen Zeitung» zusammen. Und in der Tat ist die Handlung der Oper schnell erzählt. Die psychologischen Profile der Akteure hat Tschaikowsky allerdings ungleich komplexer angelegt.

Wenn Blashill den verwöhnten Petersburger Lebemann Onegin als einen «Melancholiker» charakterisiert, Tatjana, die unerfahrene junge Frau aus der Provinz, hingegen als «Streberin», dann verkehrt er die Intentionen des Komponisten geradezu ins Gegenteil: Als «Lackaffen» hat Tschaikowsky seinen Titelhelden rundheraus bezeichnet. Mit Onegins byroneskem Gehabe, das ihn Tatjanas Liebe kühl zurückweisen und seinen Freund Lensky zum tödlichen Duell provozieren lässt, konnte er wenig anfangen. Und «Melancholie» gestand er Onegin nur am Ende der Oper zu, wenn der Dandy das Scheitern seiner Existenz erkennen muss. Tschaikowskys Sympathie galt vielmehr der vermeintlichen «Streberin»: der ebenso scheuen wie schwärmerischen Tatjana, die von ihren romantischen Jugendträumereien zu verantwortungsbewusster Entsagung heranreift und Onegin schliesslich aus Achtung vor ihrem Gatten und sich selbst zurückweist. «Ich liebte Tatjana und war über Onegin […] empört», bekannte Tschaikowsky.

Wie sehr er sich mit den Figuren seiner Oper identifiziert hat, zeigt nicht nur die leidenschaftliche Musik, die er schuf, sondern auch die weitreichende Lebensentscheidung, zu der ihn der Stoff animierte: Während Tschaikowsky am «Eugen Onegin» arbeitete, eröffnete ihm die 28-jährige Musikstudentin Antonina Miljukowa in einem Brief ihre Liebe – und verhielt sich damit ganz ähnlich wie Tatjana. Da Tschaikowsky nicht so verletzend handeln wollte wie Onegin, bedachte er seine Verehrerin mit einer – wenn auch bewusst reservierten – Antwort. Doch Antonina liess nicht locker, und schliesslich ging Tschaikowsky das Wagnis einer Scheinehe ein – nicht zuletzt in der Hoffnung, auf diese Weise seine Homosexualität verbergen zu können. Eine fatale Entscheidung: Schon fünf Tage nach der Hochzeit erkannte er, dass ihm Antonina «in physischer Hinsicht absolut widerlich» sei. Zwei Monate später war er so verzweifelt, dass er in die eiskalte Moskwa stieg ... Doch der Suizidversuch misslang: Tschaikowsky erlitt «nur» einen schweren Nervenzusammenbruch, lebte allerdings danach getrennt von Antonina.

Wer Tschaikowskys «Eugen Onegin», dieses berührende Seelendrama, kennenlernen oder wiederhören möchte, der sollte die konzertante Aufführung bei LUCERNE FESTIVAL zu Ostern am 16. April nicht verpassen: Mariss Jansons dirigiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

17 Februar 2011

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