Dieter Ammann, geboren 1962 in Aarau, ist «composer-in-residence» bei LUCERNE FESTIVAL im Sommer 2010: ein Musiker, der seine Karriere in der Jazzszene begann, bevor er Komposition studierte. Beim Festival stellt er sich mit Ensemblewerken, Orchesterstücken, Streichquartetten, und als Improvisator vor.
«Turn» heisst Ihr neues Orchesterwerk, das am 25. August bei LUCERNE FESTIVAL uraufgeführt wird – Wendepunkte spielen da eine wichtige Rolle. Empfinden Sie es auch als Wendepunkt Ihrer Laufbahn, «composer-in-residence» dieses Festivals zu sein?
Auf gar keinen Fall! Sonst würde es ja von nun an bergab gehen! Aber Spass beiseite: Das Festival ist natürlich eine wunderbare Plattform, um meine Musik in hochstehenden Interpretationen einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren.
Sie waren ursprünglich Jazzmusiker. Finden Sie, dass man diese Herkunft Ihren «notierten» Werken noch anhört?
ICH finde das nicht – mit sogenanntem Crossover habe ich nichts am Hut. Aber in einem Programmheft war mal zu lesen: «Erstaunlich, wie es Ammann gelingt, ohne irgendeinen Stilcrossover Wirkungsenergien aus dem einen in den andern Bereich zu transferieren und Werke zu schreiben, die in Funk-Manier ‹einfahren›, ohne dabei im geringsten das Idiom avancierter zeitgenössischer (Kammer)musik zu verlassen.»
Sie stellen sich bei uns mit Werken aus etwas mehr als einer Dekade vor: Von «Violation», entstanden 1999, spannt sich der Bogen bis zu Ihrem «Distanzenquartett» aus dem Jahr 2009 und der besagten Uraufführung. Was hat sich an Ihrer Ästhetik und Klangsprache geändert in dieser Zeit?
Als Komponist würde ich einen Stillstand schon als Rückschritt empfinden. In jedem neuen Werk schlage ich neue, mir noch unbekannte Schneisen. Mein künstlerischer Anspruch erfordert dies zwingend. Aber ich forsche an einem Ort, also in die Tiefe und nicht in die Breite. Diesen Ort würde ich meinen Personalstil nennen.
Mit welchen Argumenten würden Sie einem potentiellen Hörer, der mit Neuer Musik wenig Erfahrung hat und sich womöglich vor ungewohnten Klängen fürchtet, den Besuch Ihrer Konzerte empfehlen?
Falls sich jemand fürchtet, kann ich ihm nicht helfen, ich bin kein Therapeut. Wenig Hörerfahrung zu haben hingegen ist nicht schlimm; zeitgenössische Musik muss nicht «verstanden» werden, um sie hören zu können. Vielmehr kann man sie einfach auf sich wirken lassen, vielleicht so, wie wenn man Zeuge eines Naturschauspiels wird. Solche Phänomene verstehen die meisten von uns ja auch nicht im Detail. Alles, was es also braucht, ist ein wenig Neugier und die Bereitschaft, das Gehörte nicht dauernd mit dem zu vergleichen, was man bereits kennt. Meine Musik ist reich an Dramaturgie und von bisweilen grosser Aktivität, sinnlich, dabei knapp und präzise in ihrer Ausgestaltung: Langweilig wird es von daher sicher nicht.
Auf welches Konzert, auf welchen Auftritt beim Festival freuen Sie sich am meisten?
Ohne die anderen Anlässe schmälern zu wollen: auf das LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Orchestra und Pierre Boulez bin ich schon sehr gespannt!
11 Juni 2010