Werke von Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel stehen am 25. März auf dem Programm des ersten Chorkonzerts der Oster-Festspiele, das Nikolaus Harnoncourt dirigiert, der legendäre Pionier der Originalklangbewegung. Aber was ist eigentlich original und authentisch? In seinem jüngsten Interview gibt Harnoncourt eine überraschende Antwort.
Jahrzehntelang hat der Dirigent Nikolaus Harnoncourt damit zugebracht, autographe Partituren und handschriftliche Skizzen der Komponisten zu studieren, damit er bei seinen Aufführungen den wahren Intentionen der Werke so nahe wie möglich kommt. Doch ist das in jedem Falle machbar? In einem Interview mit der «Welt» vom 6. Januar 2012 stellt Harnoncourt unumwunden fest: «Man muss die Musik nicht so spielen, wie Bach es da hingeschrieben hat. Die Notenschrift kann ja weder die Tonhöhe, noch die Tondauer, noch das Tempo darstellen. Oder nehmen Sie die Artikulation: Bach hat bei den meisten seiner Werke überhaupt keine Artikulation in die Noten geschrieben. Bei einigen schon. Wenn man jetzt sagt: Ich muss mich an die Quellen halten, dann spiele ich das eine ohne Artikulation und das andere mit. Aber das gibt überhaupt keinen Sinn, weil es musikalisch dieselbe Sprache ist. Meine Hypothese ist: Bach hat viel mit Schülern und Studenten gearbeitet. Er artikuliert für die, die es nicht wissen, wie sie spielen sollen. Und die, die es wissen, würde er beleidigen, wenn er denen Artikulationsvorschriften in die Noten malt.»
Für Harnoncourt ist Bach ein Alleskönner – und nicht allein ein Meister geistlicher Musik: «Wenn er den ‹Streit zwischen Phoebus und Pan› komponiert, ist von Religion keine Rede. Aber wohl von tiefster geistiger Aussage. Dann gibt es wieder Kantaten, die sind purste Religion. Bach war bereit, jeden Bereich des menschlichen Empfindens darzustellen. In den weltlichen Kantaten, in den ‹Brandenburgischen Konzerten› oder in den Solosuiten – es gibt ja kaum eine Sparte in der Musik, die Bach nicht berührt hat. Wenn der sächsische Kurfürst in Dresden ihn als Hofkomponisten angenommen hätte, hätte er auch katholische Kirchenmusik geschrieben. Und Opern.»
20 Januar 2012