«In einer Welt, in der ‹Nacht› bedeutet, dass vom Tageslicht auf Kunstlicht gewechselt wird», falle es «schwer, das Gefühl nachzuvollziehen, der Finsternis hilflos ausgeliefert zu sein», so der österreichische Komponist Georg Friedrich Haas. «Jahrtausendelang war dies aber ein selbstverständlicher Bestandteil der Erlebniswelt der Menschen.» Unser diesjähriger «composer-in-residence» ist fasziniert von der Finsternis – und hat sich in Werken wie dem Ensemblestück in vain oder dem Streichquartett In iij. Noct. intensiv mit den Möglichkeiten des Musizierens im Dunkeln auseinandergesetzt.
«In den Neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts lebte ich in einem kleinen Haus in den Fischbacher Alpen − am Waldrand, weitgehend abgeschirmt, es gab nur drei Nachbarhäuser in Rufweite. […] In einer Novembernacht, es war Neumond und dichter Nebel lag um das Haus, konnte ich ‹Dunkelheit› direkt und unmittelbar erleben. Wie immer bei meinen Nachtspaziergängen hatte ich das Licht über dem Eingangstor abgedreht. Die Nachbarhäuser waren weit entfernt. Nichts war zu sehen. Absolute Finsternis. Das Erstaunliche für mich war: Meine Füsse fanden mit schlafwandlerischer Sicherheit den Weg. Nie kam ich von der Mitte der steinigen Strasse ab. Besonders eindrucksvoll war das Überqueren eines Baches auf einer kleinen Brücke: Das Rauschen veränderte ständig die Tonqualität – je nachdem, in welchem Winkel zum Wasser ich mich gerade befand, wurden andere Frequenzen verstärkt bzw. herausgefiltert. Niemals zuvor und danach habe ich ein Bachrauschen derart intensiv wahrgenommen. Hier war es nicht nur ein ästhetisches Erlebnis, es war vor allem ein notwendiger Bestandteil meines Wahrnehmungssystems, um mich in der Finsternis zurechtfinden zu können. Ich war danach geschockt: Ich hatte eine Fähigkeit in mir erfahren, von der ich nichts gewusst hatte […].»
Wie sehr das Reich der Nacht mit seinen ganz eigenen (Wahrnehmungs-)Gesetzen den 1953 in Graz geborenen Haas auch künstlerisch inspiriert hat, zeigt am 13. August sein Ensemblestück «in vain», bei dem die Beleuchtung im Konzertsaal bis zur völligen Finsternis abgedunkelt wird. «Es ist aufregend, Kommunikationsprozesse zu finden, die nur mit dem Ohr und nicht mit dem Auge funktionieren», erklärt Haas dieses Experiment, zumal auch den Hörer «eine neuartige und im Idealfall ungewohnt intensive Hör-Erfahrung» erwarte. «Wir heute erleben ‹Finsternis› vielleicht noch in den wenigen Sekunden, während wir in einem unbekannten Hotelzimmer den Lichtschalter suchen. Oder man kann in eines jener Restaurants gehen, in denen man in Dunkelheit speisen kann. Oder man kann sich ein jener Kompositionen von mir anhören, die die Abwesenheit von Licht einfordern.»
05 August 2011