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Lieben Sie Bruckner? Oder doch eher Brahms? Christian Thielemann beendet alte Grabenkämpfe

Christian Thielemann (Matthias Creutziger) 

Ende des 19. Jahrhunderts war es eine Glaubensfrage: Man schätzte und spielte entweder die Sinfonien von Johannes Brahms oder die Sinfonien von Anton Bruckner – den einen wie den andern zu lieben, das schien schlichtweg ausgeschlossen. Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle sind über solche Grabenkämpfe längst erhaben: Im ersten ihrer beiden Konzerte am 9. September musizieren sie die Achte Bruckner, am Tag darauf, am 10. September folgt die Erste Brahms. Was aber haben die beiden Komponisten selbst eigentlich übereinander gedacht?

Unüberbrückbar tief schien die Kluft zwischen dem strenggläubigen Katholiken Anton Bruckner und dem protestantisch getauften Norddeutschen Brahms, der tolerant bis zur Freigeistigkeit war. Nur über eine Frage wollte Brahms nicht diskutieren: «Alles hat seine Grenzen», erklärte er. «Bruckner liegt jenseits, über seine Sachen kann man gar nicht reden. Er ist ein armer verrückter Mensch, den die Pfaffen von St. Florian auf dem Gewissen haben.» Dem Sinfoniker Bruckner warf Brahms vor, dass er «keine Ahnung von einer musikalischen Folgerichtigkeit, keine Idee von einem geordneten musikalischen Aufbau» habe. Als ihn der Verleger Albert J. Gutmann in einem Gespräch auf die «grossen Gedanken» der Brucknerschen Sinfonien hinwies, entgegnete ihm Brahms: «Dann hätte ich an Ihrer Stelle bloss die grossen Gedanken verlegt, auf diese Weise würden Sie viel Geld erspart haben.»

Die Haltung, die auf der anderen Seite Bruckner gegenüber der Brahmsschen Sinfonik einnahm, bezeichnet genau die Gegenposition. Im Kopfsatz des Ersten Klavierkonzerts von Brahms habe der österreichische Komponist, so berichtet Bruckners Privatschüler Friedrich Eckstein, «das erste Thema vortrefflich gefunden, dabei aber bedauert, dass es Brahms in allen seinen Sinfonien niemals wieder gelungen sei, ein auch nur annähernd gleichwertiges Thema zu erfinden. Diese selbst empfand er vielmehr als unbedeutend, dürftig in ihrer Erfindung, bar jeder wahren Grösse, die Themen harmonisch recht uninteressant, die Durchführung seicht, die Instrumentation kahl und farblos.» Heute können wir lächeln über derlei Unduldsamkeit. Christian Thielemann und sein neues Orchester werden jedenfalls in Luzern demonstrieren, dass der Weg von Brahms zu Bruckner gar nicht so weit ist, wie es scheint.

29 April 2011

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