Beethovens Tripelkonzert, Schuberts «Grosse C-Dur-Sinfonie», Schumanns «Frühlingssinfonie» und Brahms’ Violinkonzert – was wie ein «Klassik-Kanon» anmutet, ist schlicht ein Auszug aus der Liste jener Werke, die das traditionsreiche Leipziger Gewandhausorchester uraufgeführt hat. Und auch im Falle Anton Bruckners hatten die Leipziger ein gewichtiges Wort mitzureden.
Es war Arthur Nikisch (1855–1922), der Bruckner nach Leipzig brachte. 1878 war der Dirigent in die Messestadt gekommen, wo er zunächst am Neuen Theater wirkte. Gut zehn Jahre zuvor hatte er als blutjunger Geiger im Wiener Hofopernorchester musiziert, als Bruckner die Uraufführung seiner Zweiten Sinfonie leitete: «Die Sinfonie entwickelte beim Mitspielen sofort Begeisterung in mir», erinnerte er sich später. Diese Begeisterung hielt an: Als der Pianist und Bruckner-Schüler Josef Schalck ihm Ende März 1884 einen vierhändigen Klavierauszug von Bruckners neuester Sinfonie, der Siebten, zeigte, war für Nikisch klar, dass dieses Werk in Leipzig aus der Taufe gehoben werden musste. Das geschah ein halbes Jahr später, am 30. Dezember 1884, mit dem Gewandhausorchester – und in Anwesenheit des Komponisten. Die Uraufführung geriet zu einem vollen Erfolg: «Zum Schlusse 1/4 Stunde applaudiert», meldete Bruckner stolz nach Wien.
In seiner langen Amtszeit als Chefdirigent des Gewandhausorchesters, von 1895 bis 1922, setzte sich Nikisch dann kontinuierlich für das Œuvre des Oberösterreichers ein. Und in der Saison 1919/20, wenige Jahre vor Nikischs Tod, erklang schliesslich in Leipzig der weltweit erste Bruckner-Zyklus. Nikischs Nachfolger haben diese einzigartige Bruckner-Tradition fortgeführt, nicht nur die unmittelbar anschliessenden Gewandhauskapellmeister Wilhelm Furtwängler und Bruno Walter, sondern auch die Chefs der jüngeren Zeit: Herbert Blomstedt, der die Leipziger bis 2005 leitete, und Riccardo Chailly gelten als ausgewiesene Bruckner-Dirigenten.
Wenn Chailly und das Gewandhausorchester sich bei ihrem Luzerner Gastspiel am 15. September Bruckners Sechster Sinfonie widmen, dann ist mithin Grosses zu erwarten. Ein weiteres Schmankerl: Zu Beginn des Konzerts erklingen Auszüge aus jenem Werk, das die Sechste Sinfonie erst ermöglichte – aus Wagners «Tannhäuser». Eine Aufführung dieser Oper begeisterte den fast 40-jährigen Orgelvirtuosen und Kontrapunktlehrer Bruckner 1863 derart, dass er beschloss, sich ernsthaft dem Komponieren zu verschreiben.
18 Mai 2011