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Brahms ohne Exaltiertheit

Bernard Haitink  

Bevor der grosse Brahms-Zyklus, den Bernard Haitink mit dem Chamber Orchestra of Europe für LUCERNE FESTIVAL erarbeitet, zu Ostern in die zweite Runde geht, hat sich der niederländische Maestro Zeit genommen für ein Gespräch. Und verraten, worauf es ihm bei der Brahms-Interpretation ankommt.

«Es ist für mich eine Premiere, einen ganzen Brahms-Zyklus zu dirigieren», verriet Bernard Haitink im Gespräch mit Erich Singer: ein erstaunlicher Befund, sorgt er als Dirigent doch schon seit einem halben Jahrhundert für Furore, nicht zuletzt mit Brahms. Eines der Werke, die er in Luzern vorstellt, studiert er gar zum allerersten Mal ein: den «Begräbnisgesang» op. 13, der am 11. April gewissermassen als Vorspiel zum «Deutschen Requiem» erklingt. «Es ist ein kurzes Stück im Gestus einer Marcia funebre für fünfstimmigen Chor und Blasorchester», berichtet Haitink, «also ohne Streicher. Flöten und Trompeten fehlen ebenfalls. Die hellen Farben bleiben weg, das Timbre ist durchweg dunkel.»

Dass Haitink seinen ersten Brahms-Zyklus ausgerechnet mit dem schlank besetzten Chamber Orchestra of Europe realisiert, hat einen guten Grund: «Diese Besetzung lässt sich historisch rechtfertigen», erklärt er. «Brahms’ bevorzugtes Orchester, die damals führende Meininger Hofkapelle, hat ungefähr gleich viele Mitglieder umfasst.» Das transparentere Klangbild des Kammerorchesters sorgt für eine fliessendere, weniger schwerlastige Interpretation; die Polyphonie der Brahmsschen Musik lässt sich besser verdeutlichen, Strukturen werden klarer hörbar. An das Wesen dieser Werke will Haitink rühren – nicht aber sich selbst und seine Sichtweise in den Mittelpunkt rücken: «Heutzutage lauert eine Gefahr, dass manche Interpreten meinen, sie hätten mit ihren Ansichten noch mehr zu sagen, als bereits gesagt ist. Ich bemühe mich, dem Werk nicht subjektiv aufzupfropfen, was nicht aus der kompositorischen Substanz zu entbergen ist – keine Aufblähungen! Wie oft schreibt Brahms ‹piano dolce›: Ist das ein Indiz? Seine Partiturangaben verbieten unmissverständlich jegliche Exaltiertheit.»

Das gesamte Gespräch mit Bernard Haitink steht Ihnen auf dieser Seite zum Download bereit. 

Der Brahms-Zyklus bei LUCERNE FESTIVAL zu Ostern:
9. April: Doppelkonzert und Erste Sinfonie
11. April: «Begräbnisgesang» und «Ein deutsches Requiem»
13. April: Violinkonzert und Zweite Sinfonie

17 Februar 2011

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