Die Schweizer Bratschistin und Medienkünstlerin Charlotte Hug, «artiste étoile» dieses Sommers, ist eine Grenzgängerin: Für ihr mehrteiliges multimediales Projekt «Hidden Signs – Aggregatzustände der Nacht» hat sie sich einem 40-stündigen Schlafentzug ausgesetzt und dabei den Veränderungen nachgespürt, die kreative Prozesse in der Nacht erfahren. Im Kunstmuseum Luzern ist nun ihre musikalisch-visuelle Rauminstallation Insomnia zu erleben, die auch als Spielstätte dient – für Auftritte mit dem Stellari String Quartet und für die Solo-Performance Slipway to Galaxies. Und mit den Studierenden der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY bringt Charlotte Hug am 3. September ihre neue Komposition «Nachtplasmen» zur Uraufführung.
In «Nachtplasmen» − einem Orchesterwerk, das zeitweise im vollständig abgedunkelten Konzertsaal erklingt und mit Videoprojektionen arbeitet − erprobt Charlotte Hug neue Formen der orchestralen Selbstorganisation und Entscheidungsfindung: Die Musiker fungieren hier nicht nur als ausführende Interpreten, sondern werden als kreative Individuen in den künstlerischen Entstehungsprozess miteinbezogen. «Ich erhoffe mir von den Akademisten, die ja alle hochvirtuose Musiker sind, dass sie eine kindliche Form des Musizierens wiederentdecken, um Zugang zu ihren eigenen Schätzen zu erhalten», erklärt Charlotte Hug.
In den Proben schult sie die Akademisten, ihre «Son-Icons» musikalisch fruchtbar zu machen − seismographische Zeichnungen, die «man drehen, umwenden und in verschiedenen Richtungen wie Partituren lesen kann. Die Videopartitur, die ich zusammen mit Götz Rogge erarbeitet habe, erweitert diese ‹analogen› Möglichkeiten, etwa durch ‹Farbumkehrungen›: Wie klingen meine Graphitzeichnungen, wenn sie nicht schwarz auf weiss, sondern weiss auf schwarz erscheinen? Ein weiteres Element ist die ‹conducted improvisation› von Butch Morris, die wir im London Improvisers Orchestra weiterentwickelt haben. Das lernen die Akademisten in den Tutti-Proben. Und dann bringe ich die ‹Diamanten›, die sie entdecken, so zum Glänzen, dass es in einem Ganzen Platz hat. Denn damit der Orchesterklang nicht bloss eine Summe von Einzelideen, sondern wirklich ein ‹Mehr› ist, braucht es jemanden, der zuhört und das Material im Wortsinn ‹komponiert›, zusammenfügt.»
25 August 2011