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Musikgeschichte im Rückwärtsgang: Das Rezital von Pierre-Laurent Aimard

Pierre-Laurent Aimard (Felix Broede/DG) 

Ein «gutes Programm», fordert Pierre-Laurent Aimard, müsse sich «zu einem komplexen Netz von Werken» verbinden und wie bei einer Ausstellung die wechselseitigen Einflüsse erhellen. Dass er diesem selbstgesetzten Anspruch gerecht wird, zeigt sein Rezital am 28. November: Aimard lädt ein zu einer musikalischen Entdeckungsreise durch hundert Jahre Klaviermusik seiner französischen Heimat.

An den Anfang seines Rezitals hat Aimard ein Frühwerk seines «Hausgotts» Messiaen gesetzt: die acht «Préludes pour Piano», entstanden in den Jahren 1928/29 in Reaktion auf den Tod von Messiaens Mutter. Unüberhörbar schliesst der damals gerade 20-Jährige, der die Préludes als «eine Reihe von Seelenzuständen und persönlichen Empfindungen» charakterisierte, hier an seine grossen Vorbilder an: an Debussy und an Ravel, dessen virtuose «Miroirs» (1904/05) Aimard als zweiten Programmpunkt ausgewählt hat. Der Klangzauber der Impressionisten wiederum wäre undenkbar ohne die ein halbes Jahrhundert zuvor entstandenen bahnbrechenden Werke Frédéric Chopins. Nicht zufällig waren sowohl Debussy als auch Ravel «Enkelschüler» Chopins: Ihre Klavierlehrer hatten beide beim polnischen Emigranten studiert und gaben dessen musikalische Ideale – seine Vorliebe für eine wie improvisiert wirkende Melodik, für kleine Formen und eine andeutende Harmonik, seine Ablehnung jeder Affektiertheit und Übertreibung – an die nächste Generation weiter. Französische Musik als Familiengeschichte.

Und noch etwas zeigt Aimards Reise zurück in die Zukunft: dass auch und gerade in jenem 19. Jahrhundert, das sich so sehr um eine Ausbildung «nationaler» Schulen bemühte – und beispielsweise aus dem sächsischen Provinzkantor Bach und aus Beethoven, dem in Wien lebenden Rheinländer flämischer Herkunft, deutsche Heroen machte –, Musik ein internationales, verbindendes Gut war. War Chopin als Komponist nun Pole oder Franzose?

18 November 2010

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