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Späte Meditationen:
Liszts eigensinniges Alterswerk

Franz Liszt  

Nein, es ist nicht sonderlich originell, auf Liszts ebenso rätselhaftes wie zukunftsweisendes Spätwerk hinzuweisen. Und doch ist es nötig: Denn so festgefügt die Liszt-Klischees vom notorischen Frauenschwarm, vom Hyper-Virtuosen und vom allein auf Effekt bedachten Showkomponisten sind, so eng bemessen ist der Kanon jener populären Werke, die dieses einseitige Liszt-Bild geprägt haben. Die halsbrecherischen «Ungarischen Rhapsodien», die schwelgerischen «Liebesträume», die brillanten zwei Klavierkonzerte – jeder kennt sie. Aber was ist mit den kryptischen Klavierstücken, die in Liszts letzten Lebensjahren abseits der Öffentlichkeit entstanden und teilweise erst im 20. Jahrhundert, lange nach seinem Tod, publiziert wurden?

Erinnerung und Melancholie, ja Resignation prägen Liszts späte Klavierkompositionen. «Spitalstücke oder eigentlich schon Todtenkammer-Stücke» hat er sie einmal genannt und seiner Biographin Lina Ramann gegenüber erklärt: «Wie Sie wissen, trage ich tiefe Trauer im Herzen; sie muss hie und da in Noten ertönend ausbrechen.» Und in der Tat scheint diese Musik in jedem Takt von Liszts persönlichen Enttäuschungen zu sprechen: vom Tod zweier Kinder, vom kirchlichen Verbot seiner Ehe mit Carolyne von Sayn-Wittgenstein, von seiner mangelnden Anerkennung als Komponist. Klage- und Gedenkstücke sind es, die der alte Liszt niederschrieb. So auch die beiden Versionen von «La lugubre gondola», die Maurizio Pollini und Khatia Buniatishvili interpretieren werden: Als Liszt 1882 Richard Wagner, seinen schwierigen Schwiegersohn, in Venedig besuchte, liess er sich von den lautlos dahingleitenden schwarzen Trauergondeln zu diesem schwermütigen Tongemälde inspirieren, das «wie aus Vorahnung sechs Wochen vor Wagners Tod» entstand.

Doch gerade die melancholische Grundhaltung und der nicht-öffentliche Charakter seiner letzten Werke führten Liszt zu einer unerhört modernen künstlerischen Radikalität: «Nuages gris» etwa, das sowohl Lise de la Salle als auch Maurizio Pollini aufs Programm gesetzt haben, kann mit seinen tonal nicht bestimmbaren Unisono-Linien und seinen ziellos mäandernden Akkordfortschreitungen als das erste «atonale» Klavierstück gelten – und evoziert zugleich überaus eindringlich das titelgebende Naturbild der schemenhaft vorüberziehenden «trüben Wolken». Lakonisch verknappt, thematisch ungebunden, harmonisch wagemutig, ja visionär: Gerade in ihrer Modernität erhalten Liszts späte Meditationen eine enorme Suggestivkraft. Sie vermögen den Hörer nicht minder zu bannen als die virtuosen Konzertstücke aus Liszts mittlerer Schaffensperiode, ja sie entwickeln einen geradezu hypnotischen Sog. Das werden auch die Auftritte von Maurizio Pollini und Lise de la Salle erweisen, denn beide kombinieren dieses einzigartige Alterswerk mit Lisztschen Hauptwerken wie der grossen h-Moll-Sonate, der «Dante-Sonate» und der opulenten h-Moll-Ballade.

06 Oktober 2011

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