Etwas onkelhaft hat man vor einiger Zeit ein «Fräuleinwunder» in der Geigenwelt konstatiert, als junge Violin-Virtuosinnen wie Hilary Hahn und Lisa Batiashvili, Julia Fischer und Baiba Skride von sich reden zu machen begannen. Doch nicht allein unter den Geigern, auch in der Klavierszene geben die Frauen gegenwärtig den Ton an: Mit Yuja Wang, Lise de la Salle und Khatia Buniatishvili tritt eine junge Pianistinnen-Generation in die Fussstapfen von Martha Argerich, Hélène Grimaud & Co. Alle drei sind im November bei LUCERNE FESTIVAL am Piano zu Gast. In diesem und im nächsten Newsletter stellen wir sie Ihnen vor.
Den Auftakt unserer kleinen Reihe macht die Jüngste im Bunde, Lise de la Salle. Geboren 1988 im französischen Cherbourg, stammt sie aus einer Familie von Malern und Musikern: Ihr Grossvater und Urgrossvater arbeiteten als Galeristen (letzterer stellte unter anderem Modigliani und Soutine aus), ihre Mutter war Chorsängerin, ihre Grossmutter Klavierlehrerin, und deren Grossmutter, eine russische Konzertpianistin, hatte einst noch Tschaikowsky kennengelernt … Kein Wunder also, dass Lise de la Salle bereits im Alter von vier Jahren mit dem Klavierspiel begann. Und auch anschliessend legte sie ein enormes Tempo vor: Ein Konzert der erst Neunjährigen wurde live von Radio France übertragen, vier Jahre später sorgte sie mit Beethovens Zweitem Klavierkonzert für Furore, das sie als Einspringerin innerhalb kürzester Zeit einstudiert hatte, und als Sechzehnjährige gewann sie die renommierten «Young Concert Artists Auditions» in New York. Parallel zu dieser rasanten Karriere absolvierte sie ihre Klavierausbildung am Pariser Konservatorium, an das sie schon als Elfjährige aufgenommen wurde. Und als Lise de la Salle ihr Abitur machte – ganz regulär mit 17 Jahren übrigens −, da hatte sie wenige Tage vor den letzten Prüfungen bereits ihre dritte CD aufgenommen. Wen erstaunt es da, dass sich dieses «extreme Talent» − so der Kritiker Joachim Kaiser − schon 2008, als gerade einmal Zwanzigjährige also, in Luzern vorstellen konnte?
Und doch: So bemerkenswert diese Eckdaten sind, sie zeugen vor allem davon, dass es Lise de la Salle bei allem Tempo nicht um den schnellen Erfolg, sondern um eine nachhaltige Entwicklung geht. «Ich brauche Zeit zum Nachdenken, um Dinge reifen zu lassen», erklärt sie. «Musik braucht generell Zeit. Ich bin keine Orange, aus der man das Maximum an Saft herausholen muss und die man dann wegwirft.» In der Tat: Aus dem einstigen Wunderkind ist eine reflektierte Künstlerin geworden, die nicht nur über einen leichten, flexiblen Anschlag, eine immer transparente, am Gesang orientierte Phrasierung und eine staunenswerte technische Perfektion verfügt, sondern vor allem sehr klare Vorstellungen von den Werken hat, die sie interpretiert. Das wird sie auch bei ihrem Luzerner Rezital am 26. November zeigen: Kompositionen des Jubilars Franz Liszt stehen auf dem Programm, darunter die hochvirtuose «Dante-Sonate» und die h-Moll-Ballade, aber auch Liszts phantasievolle Bearbeitungen von Meisterwerken seiner Kollegen, etwa des ergreifenden «Lacrimosa» aus dem Mozart-Requiem.
02 November 2011