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Mein Liszt. Folge 2: Alfred Brendel

Alfred Brendel  

Über Franz Liszt hat kaum ein zweiter Interpret so kundig und eindrucksvoll Auskunft gegeben wie Alfred Brendel. Weshalb er am 21. November auch das Piano-Festival mit einer «Laudatio» auf den «virtuoso assoluto» eröffnet – bevor dann Kollege Yefim Bronfman zum tönenden Beweis in die Tasten greift. Vor allem ist es Brendel zu verdanken, dass Liszts kryptisches Spätwerk mit bald hundertjähriger Verspätung ins Repertoire gefunden hat. Warum sein Herz an diesen Stücken hängt, hat er uns vorab verraten.

«Kaum ein anderer Komponist hat, vom strahlend begabten Wunderkind über die Virtuosenjahre und die Weimarer Meisterschaft bis zur Bitternis des Herzens seines letzten Jahrzehnts, einen so weiten musikalischen Weg zurückgelegt. Liszts späte Klavierstücke sind eine Entdeckung unserer Zeit. Dass sie den mephistophelischen Abbé als einen der Väter der Musik des 20. Jahrhunderts ausweisen, war Kennern bereits aufgefallen. Dass man diese Stücke nicht nur lesen, sondern auch spielen und einem hörenden Publikum vermitteln kann, entdeckten wir erst mit fast hundertjähriger Verspätung.
Nicht mehr das Podium des neunzehnten Jahrhunderts allerdings, der Prunk und Rausch der Virtuosität, bestimmt diese Werke. Sie möchten nicht mehr überreden, kaum mehr überzeugen. ‹Spitalsmusik› nennt Liszt sarkastisch, was er nun hauptsächlich hervorbringt. Totentänze und mephistophelische Walzer, Elegien und Threnodien, Gedenkblätter und Bilder der Verstörung sind es nun, von denen Liszt in den letzten fünfzehn Jahren seines Lebens heimgesucht wird. In Liszts späten Stücken scheint mir etwas vorausgenommen, was in der bildenden Kunst Europas dann um die Jahrhundertwende stattfindet: die Entdeckung des Primitiven oder Barbarischen.»
 

02 November 2011

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