Ausnahmezustand in Luzern: Toscanini dirigiert das «Concert de Gala»
In den Erinnerungen und Gedanken, die Bruno Walter unter dem Titel «Thema und Variationen» herausgab, ist zu lesen: «In jenen Sommer 1938 fielen die ersten Festspiele in Luzern, zu denen Toscanini und ich eingeladen worden waren. Mir ist davon eine eigenartige Veranstaltung im Gedächtnis geblieben: eine Aufführung des Wagnerschen Siegfried-Idyll unter Toscaninis Leitung vor dem Hause bei Tribschen, in dem Siegfried Wagner geboren, wo das Stück komponiert und zum erstenmal erklungen war.» Der einstigen Dirigentengrösse blieb just jenes als «Galakonzert» angekündigte Ereignis vom 25. August 1938 im Gedächtnis haften, das im allgemeinen Bewusstsein als Geburtsstunde für Luzern als Festspielstadt gilt, auch wenn tatsächlich vorher schon Konzerte im neuen Festwochenrahmen durchgeführt worden sind. Arturo Toscanini dirigierte an diesem schönen Sommernachmittag im Tribschen-Park ohne Honorar ein Eliteorchester – des Maestro Experte in Gestalt keines Geringeren als Rudolf Serkin hatte den Ort vorher als «für ein Konzert geeignet» begutachtet. Adolf Busch als Konzertmeister und viele andere illustre Musiker der Zeit spielten mit diesem Klangkörper, der neben Werken von Rossini, Mozart, Beethoven eben jenes Siegfried-Idyll interpretierte, denn das Konzert war laut dem englischsprachigen (!) Programmheft «specially dedicated to the memory of Richard Wagner». Die Aufführung wurde von der National Broadcasting Company und 80 ihr angeschlossenen Sendern nach Amerika direkt übertragen.
Wenn Bruno Walter den Anlass als «eigenartig» etikettierte, mögen ihm vielerlei aussergewöhnliche Dinge aufgefallen sein. Die städtische Polizeidirektion und das Offizielle Verkehrsbüro ergriffen Massnahmen zur Lärmverhütung, die ihresgleichen suchten, um den schnell nervös werdenden Toscanini keinesfalls bei der Generalprobe und dem Konzert zu verärgern. Die erlassenen rigiden Vorschriften glichen denjenigen einer straff durchorganisierten Generalstabsübung: Das Areal wurde den ganzen Tag für Unberechtigte hermetisch abgeriegelt; die Besucher mussten ihre Plätze schon fünfzehn Minuten vor Konzertbeginn besetzen, deswegen fuhren Motorschiffe für das Publikum Extrakurse ab Schweizerhof- bzw. Bahnhofquai; ausser den Kursschiffen, die während des Konzerts keine Signale geben durften und so langsam fahren mussten, dass kein Wellenschlag entstehen konnte, war der Schiffsverkehr grundsätzlich verboten; an Fabriken erging die Weisung, jeglichen Industrielärm zu vermeiden; der Fussballplatz Tribschen musste den Spielbetrieb einstellen; Eltern in der Nachbarschaft sollten ihre Kinder spazieren führen; der Wirt der «Hermitage» am gegenüberliegenden Seeufer wurde ersucht, «in seinem Orchester keine Saxophone spielen zu lassen, da dieses Instrument auf Tribschen gehört wird»; das Luftamt in Bern wiederum hatte dafür zu sorgen, die Luft lärmfrei zu halten; schliesslich wurden alle Hunde der umliegenden landwirtschaftlichen Betriebe kurzerhand eingesammelt und bis nach Veranstaltungsende schalldicht verwahrt. Exorbitant teuer waren – gemessen an den damaligen Verhältnissen – überdies die Kartenpreise: Happige 55, 44, 33 oder 22 Franken kostete der Einlass.
Das «Siegfried-Idyll»: Markstein in der Geschichte von LUCERNE FESTIVAL
Seit dieser denkwürdigen Veranstaltung, der den Zeitungsberichten zufolge ein überwältigender Erfolg beschieden war, fand das Siegfried-Idyll, von wenigen Ausnahmen abgesehen, jeweils prompt Einlass in die Programme der IMF bzw. von LUCERNE FESTIVAL, wenn ein Jubiläum zu feiern war. Zehn Jahre nach dem «Galakonzert» unter Toscanini dirigierte Wilhelm Furtwängler im alten Kunsthaus sogar zwei Aufführungen, eine davon als Wohltätigkeitskonzert. Zum 25-jährigen Bestehen spielten Mitglieder des New Philharmonia Orchestra London die Komposition im Rahmen eines Extrakonzerts an der Stätte ihres Ursprungs. 1978 figurierte sie auf einem Programm des Schweizerischen Festspielorchesters unter der Leitung des nachmaligen künstlerischen Direktors Ulrich Meyer-Schoellkopf. Im «Wagner-Jahr» 1983 musizierten die Luzerner Kammersolisten sie völlig «originalgetreu» auf der Treppe der Tribschen-Villa, und zum 50. Geburtstag der IMF erklang die Siegfried-Musik unter Claudio Abbado zusammen mit dem Chamber Orchestra of Europe im Rahmen des «Toscanini-Konzerts», das dieselben Werke wie einst Toscaninis «Galakonzert» zu Gehör brachte. Und im Jahr 2008, zum Siebzigsten, folgte eine Aufführung mit den Gästen aus Chicago unter dem Wahl-Luzerner Bernard Haitink … Ein anderer ehemaliger Wahl-Luzerner, Rafael Kubelík, setzte übrigens das Siegfried-Idyll u.a. 1962 auf das Arbeitsprogramm seines Dirigierkurses – im Schlusskonzert leitete es die Kursabsolventin Sylvia Caduff, die seit längerer Zeit in Luzern wohnhaft ist. Im Gedenkkonzert an den ein Jahr zuvor verstorbenen Herbert von Karajan dirigierte James Levine mit den Berliner Philharmonikern 1989 eine weitere Aufführung des Stücks. Die restlichen Interpretationen standen unter der Stabführung von Georg Solti (1966 mit den Wiener Philharmonikern) und Bruno Walter, der 1950 seinen letzten Luzerner Auftritt am Pult des Schweizerischen Festspielorchesters damit krönte. Summa summarum darf nachdrücklich festgehalten werden, dass Wagners Siegfried-Idyll für die Stadt Luzern und in der Folge auch für die Geschichte ihrer Musikfestspiele Marksteine gesetzt hat.
Erich Singer (2008)