Jeder Interpret, glaubt Hélène Grimaud, «artiste étoile» im «Eros»-Jahr, sei in erster Linie ein Medium, das die Intentionen der Komponisten spiegeln müsse. Was für sie nicht bedeutet, dass es keinen Spielraum für Individualität gäbe: «Natürlich muss man dem Notentext treu bleiben, ihn respektieren und bereit sein, sich auf ihn einzulassen. Aber je mehr man das tut, desto mehr Freiheit findet man», erklärt sie das Paradox und fügt zur Begründung hinzu: «Kunst muss Grenzen überschreiten. Wenn alles möglich ist, dann ist es für mich keine Kunst.» Seit zwei Jahrzehnten schon gehört die 1969 in Aix-en-Provence geborene Französin, deren virtuoses Spiel und künstlerisches Charisma in aller Welt bewundert werden, zu den Fixsternen am Klassik-Himmel. Ihr Erfolgsgeheimnis hat auch damit zu tun, dass sie sich nie mit dem einmal Erreichten begnügt; immer wieder befasst sie sich mit den grossen Werken vor allem des deutschen Repertoires, auf der unermüdlichen Suche nach der musikalischen Wahrheit. Die stete Auseinandersetzung mit bestimmten Kompositionen, etwa mit Schumanns Klavierkonzert, lohnt sich: «Je mehr man versucht, diese Stücke zu durchdringen, desto mysteriöser werden sie. Das hat etwas sehr Spirituelles, es ist eines der Wunder der Musik.»
Neben dem poetisch-verinnerlichten Schumann-Konzert, das sie mit Esa-Pekka Salonen und dem Philharmonia Orchestra aufführt, wird Hélène Grimaud Beethovens heroisches Fünftes interpretieren – dies im Zusammenspiel mit dem Sydney Symphony und Vladimir Ashkenazy. Sie musiziert ein Rezital, das Werke von Mozart, Liszt, Bartók und Berg umfasst, und sie tritt als Kammermusikerin auf: Zu dieser Matinee hat sie ausgewählte Solisten des LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA als Mitstreiter eingeladen. Wichtig ist Hélène Grimaud aber nicht zuletzt das Lied-Rezital mit dem Bariton Thomas Quasthoff, das Schumanns «Dichterliebe» und Lieder von Brahms präsentiert. 2008 arbeiteten die beiden erstmals zusammen – es sei «eine der fantastischsten Erfahrungen» ihrer Laufbahn gewesen.